: Julia Kerninon
: Du wirst es mir niemals sagen Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641274597
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Liv Maria war das umsorgte Einzelkind, das unbekümmerte Mädchen, das von einem Tag auf den anderen ihre bretonische Heimat verlassen und nach Berlin ziehen musste. Sie wurde erst die Geliebte eines älteren Ehemanns und dann eine Globetrotterin, die sich in fernen Ländern durchschlug. Jetzt lebt sie in einem irischen Dorf, ist Mutter zweier Kinder und Ehefrau eines verständnisvollen Mannes. Liv Maria ist zur Ruhe gekommen, so scheint es. Aber ihr früheres Leben holt sie auf eine albtraumhafte Weise wieder ein und zwingt zu einer Entscheidung, die schwieriger nicht sein könnte ...

Julia Kerninon, 1987 in Nantes geboren, veröffentlichte mit 27 Jahren ihren ersten Roman, für den sie unter anderem den Prix Francoise Sagan und den Prix Vauban erhielt. Auch für ihre drei folgenden Romane, zuletzt"Ma dévotion" erhielt sie jeweils namhafte Literaturpreise."Du wirst es mir niemals sagen" ist ihr fünfter Roman.

Irgendwann glaubte Liv Maria zu verstehen, dass die Ehe ihrer Eltern für die Menschen in ihrer Umgebung eine Quelle immer neuer Verwunderung war. Schon allein, dass ein Mädchen von der Insel mit einem Norweger zusammen war, ein Mädchen von hier mit einem Fremden. Dieser große und massige Mann mit diesem Strich in der Landschaft, dieser Koloss, der ständig in seine Bücher vertieft war, mit einer Cafébesitzerin – was konnten die beiden sich schon zu sagen haben? Auch Liv Maria wusste es nicht, sie wusste nur, dass sie ihre Eltern bis spät in die Nacht über dieses und jenes flüstern hörte. Als kleines Mädchen setzte Liv sich oft geräuschlos oben auf die Treppe im Haus, um ihnen zuzuhören, ohne dass sie jemals den Sinn des Gesagten begriff, als würden ihre Eltern sich ganz selbstverständlich so leise unterhalten, dass sie nur zu verstehen waren, wenn man sich in ihrer Sichtweite befand. So blieb sie auf ihrer hölzernen Stufe sitzen, spitzte schweigend die Ohren und betrachtete ihre Schatten, die das Feuer an die Wand neben ihr warf, während ihr Flüstern sie einlullte – und dennoch erwachte sie am Morgen wie durch Zauber in ihrem ordentlich glatt gezogenen Bett, und weder ihr Vater noch ihre Mutter ließen je ein Wort darüber fallen. Das gehörte einfach zum Familienleben.

Die Überraschung, mit der die anderen auf ihre Eltern reagierten, wischte Liv Maria umstandslos beiseite. Für sie verstand sich ihre Verbindung von selbst. Ihr Vater war ein Leser, und ihre Mutter war eine Heldin. Ihr Vater liebte Geschichten, und ihre Mutter war eine Romanfigur. Jane Eyre, Molly Bloom, Anna Karenina und Mado Tonnerre in ihrem Café, so wie ihr Vater sie zum ersten Mal gesehen hatte an dem Tag, als er dort eingetreten war, um sich die Zeit bis zur Ankunft der Fähre zu vertreiben, die ihn auf das Festland zurückbringen sollte.

Thure Christensen war damals ein einfacher Matrose bei der Handelsmarine, ein Beruf, den er ohne echte Überzeugung ergriffen hatte. Er hatte an Bord eines Containerschiffs angeheuert wie in seinem eigenen Leben, als wollte er einer Metapher Wirklichkeit verleihen, bis er zu sich selbst fand. Er war eine Woche von Bergen aus unterwegs gewesen, dann hatte der Tanker einen Zwischenstopp in der bretonischen Stadt gegenüber der Insel eingelegt. Er hatte eine Fähre genommen, um sich die Insel anzusehen, und nachdem er die Dünen und Buchten entlanggewandert war, hatte er in dem Café-Restaurant-Lebensmittelladen, den die Familie Tonnerre seit jeher besaß, Liv Marias Mutter kennengelernt.Aber es war auch eine Waffenhandlung.Ich bat deine Mutter um eine Tasse Kaffee, und sie schob einige Schachteln beiseite, um an den Zuckerstreuer zu gelangen, und da habe ich gesehen, dass es Munitionsschachteln waren. Das ist Frankreich? Ich kam aus diesem winzigen Dorf in Norwegen, hatte keine Ahnung von der Welt, und das Erste, was ich von fremden Ländern erfuhr, war – anderswo verkauften die Leute in Kaffeehäusern Munition. Ich versuchte noch, die Unterschiede zu meinem eignen Land zu verstehen, und das Erste, was mir auffiel, waren: Kugeln und Porzellan und deine Mutte