DAMALS
Die alten Friesen glaubten, dass die Kinder aus der Tiefe des Meeres kommen und die Eltern sie aus den Fluten ziehen. Meine Eltern Marten und Kaatje Nilson glaubten das nicht. Sie dachten, dass Gott ihnen am 4. November 1798 einen Sohn geschenkt hatte, so stand es in der Familienchronik.
Sie ließen mich auf den Namen meines Großvaters taufen, am dritten Tag nach der Geburt, nicht in der Kirche, dort war es zu kalt und feucht, sondern in der Dönse, der Wohnstube. Ich trug eine rote Windel, die mit einem ebenfalls roten Band kreuzweise zugebunden wurde, wie es ein alter Brauch will, und die Nachbarn kamen zur Kindskiek, zur Schau des Kindes. Sie brachten warmes Essen mit und vier Eier. Die vier Eier wurden nicht in den Graupenbrei gerührt, sondern einer unserer Hennen ins Nest gelegt, auf dass sie sie ausbrütete.
Würden alle Küken schlüpfen, wäre es ein gutes Zeichen gewesen, schlüpfte keines, ein schlechtes. Bei mir waren es zwei von vier Eiern, deren Schalen am Ende aufsprangen und ein feuchtes, klumpiges, fedriges Bündel preisgaben. Meine Eltern waren damit zufrieden. Zwei und zwei, das passt in eine Welt, die aus Himmel und Erde, Ebbe und Flut, Tag und Nacht besteht. Ein Leben, in dem Freude und Leid einander aufwiegen, war für sie ein rechtes.
Das nächste Kind, mit dem Gott sie erfreute, starb; das übernächste, mein kleiner Bruder Hendrik, lebte. Mit ihm kam ein Mädchen aus dem Mutterleib, das nur ein einziges Mal schrie. Wenn ich mich an diesen Schrei erinnere, glaube ich stets das Gackern jener Henne zu hören, die die Eier für meinen Bruder ausbrütete. Das Mädchen bekam keine, es wurde keine drei Tage alt.
Zwei Kinder, die lebten, und zwei, die starben. Das war ein rechtes Leben.
Ein rechtes Leben bestand aus den immer gleichen Pflichten, zur festgelegten Zeit ausgeführt.
Am Morgen mussten die Tiere gefüttert und der Stall gereinigt werden, der sich im nördlichen Teil des Hauses an die Wohnräume anschloss. Streu gab es keines, Heu war immer knapp. Danach wurden aus Dünengras Stricke gedreht, später die Kühe daran auf die Weide geführt, auf der Hallig heißt die Weide Fenne. Manche Pflichten packte man erst nach dem Mittagsmahl an. Von klein auf sammelte ich Muschelschalen, die an die Kalkbrennereien von Tondern verkauft wurden, oder um die weichen Marschwege in mühsamer Kleinarbeit zu bestreuen. Manchmal sammelten wir auch Strandgut, das aus den Tiefen des Meeres kam wie die neugeborenen Kinder. Dauben von Fässern, Deckel von Seemannstruhen, zerfledderte Stiefel, rissige Taue. Die schweren Sachen schleppten die Männer, die leichteren die Frauen und Kinder. Bei vielem, was die See ausspuckte, wusste ich nicht, wozu man es gebrauchen könnte. Ich wusste ja auch nicht, wozu man meinen kleinen Bruder Hendrik gebrauchen könnte, der unentwegt mit rotem Kopf schrie. Doch mein Vater war geschickt. Er verstand es, aus einem mächtigen Rundholz, das einst Teil eines Schiffsrumpfs gewesen war, einen Deckenbalken zu zimmern.
Es gab Pflichten, die nicht jeden Tag zu erfüllen waren, sondern zu einer bestimmten Jahreszeit. Im Mai wurden die Schafe geschoren, ihr Vlies im Meerwasser gewaschen. Die Lämmer, die jene Schafe geboren und gesäugt hatten, wurden im Juni verkauft, die Milch sodann zu einem würzigen Käse verarbeitet, der umso besser