: Salman Rushdie
: Sprachen der Wahrheit Texte 2003-2020. Friedenspreis für Salman Rushdie 2023
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641257255
: 1
: CHF 4.50
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: Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Salman Rushdie erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2023 »für seine Unbeugsamkeit, seine Lebensbejahung und dafür, dass er mit seiner Erzählfreude die Welt bereichert.« (Aus der Begründung der Jury)

Leben und Schreiben, Wirklichkeit und Fantasie sind bei kaum einem Autor so eng, so schicksalhaft miteinander verknüpft wie bei Salman Rushdie. Ob in seinem Weltbestseller »Mitternachtskinder«, in seinem jüngsten, hochgelobten Roman »Quichotte« oder in den vielzähligen Essays, die er über die Jahre vorgelegt hat – in jeder Zeile steckt er selbst: seine Suche nach einer allgemeingültigen Sprache, sein Glaube an die Kraft des Erzählens, seine Erfahrung als Verfolgter und Emigrant und damit verbunden seine radikale Absage an Unterdrückung und Diskriminierung. Das zeigen alle seine Werke eindrücklich. Klug und differenziert beleuchtet Rushdie in seinen Essays, Glossen und Reden die aktuelle Weltpolitik von Osama bin Laden bis Donald Trump, gibt Einblick in seine Ideenwelt und sein künstlerisches Schaffen. Gerade in seinen brillanten Literaturkritiken wird deutlich, wer ihn inspiriert: Shakespeare, Borges, auch sein Freund Harold Pinter.

Die in »Sprachen der Wahrheit« erstmals versammelten und zum Teil bisher unveröffentlichten Texte aus den vergangenen zwei Jahrzehnten veranschaulichen, wie ernst Salman Rushdie seine Verantwortung als Weltautor nimmt. So sind seine geistreichen Schriften immer auch ein Plädoyer für das vielstimmige Miteinander der Kulturen.

»Salman Rushdie ist ein phantastischer Erzähler und einer der besten lebenden Essayisten.« Arno Widmann

Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, ging mit vierzehn Jahren nach England und studierte später in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman »Mitternachtskinder«, für den er den Booker Prize erhielt, wurde er weltberühmt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2007 schlug ihn Königin Elizabeth II. zum Ritter. 2022 ernannte ihn das deutsche PEN-Zentrum zum Ehrenmitglied. 2023 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

PROTEUS

Edward Bond und Shakespeares Schweigen

Nun, da ich langsam älter werde, fühle ich mich manchmal wie der japanische Dichter-Philosoph Bashō, der nach vielen Jahren, die er auf der Suche nach WeisheitAuf schmalen Pfade durchs Hinterland gereist ist, in Edward Bonds StückSchmaler Weg in den tiefen Norden gefragt wird, was er gelernt habe, und er antwortet: »Ich habe gelernt, dass es im tiefen Norden nichts zu lernen gibt.« Nichts zu lernen auf der Reise, ist die Erkenntnis der Reise, denn die Weisheit selbst ist eine große Illusion.

Edward Bond war eine der berühmten Gestalten des goldenen Zeitalters des britischen Theaters in den 1970er-Jahren, mit einer düsteren und unerbittlichen Sicht auf die Dinge, aber einer stets reichen Dramatik. Was die Leute heute noch in Erinnerung haben, ist, dass Edward Bond ein Stück namensGerettet schrieb, in dem ein Baby auf der Bühne zu Tode gesteinigt wurde, genauer gesagt, Schauspieler warfen Steine auf einen Kinderwagen, in dem, wie man die Zuschauer wissen ließ, ein Kind lag, obwohl da kein Baby war, und selbst die Steinigkeit der Steine ist fragwürdig, denn es waren schließlich Requisiten, und die Fiktionalität des Unterfangens war eindeutig klar durch die Tatsache, dass das Ganze auf einer Bühne stattfand, während die Leute, manche gut gekleidet, andere nicht, denn bei Londoner Theaterbesuchern ist beides möglich, auf billigen und teuren Plätzen saßen und es geschehen sahen, und das schließlich nicht im Rom der Gladiatoren, nicht einmal im London der Zeit, als Menschenmengen an dem Platz zusammenkamen, der heute Marble Arch heißt, damals Tyburn Tree, um die dortigen Hinrichtungen zu bejubeln. Nein, dies geschah im Royal Court Theatre am Sloane Square, und außerhalb des Theaters herrschte das »Swinging London«, es schwang so kräftig, wie es konnte, es schwang, wie es im Song hieß, wie ein Pendel. Nun ist die Fiktionalität der Fiktion eine bedeutende Angelegenheit; sie bildet den Kern der wechselseitigen Beziehung, des Vertrags zwischen dem Werk und seinen Zuschauern, das Werk bekennt seine Fiktionalität, seine Unwahrheit, während es verspricht, die Wahrheit aufzudecken, und das Publikum legt seinen Unglauben an das ab, von dem es weiß, dass es nicht zu glauben ist, und entdeckt so einen Stoff, an den zu glauben sich lohnt. Genau das tun Menschen, wenn sie Literatur auf einer Bühne oder in einem Buch erleben, aber sie vergessen, dass sie es tun, oder falls sie sich daran erinnern, meinen sie, es sei nicht wichtig, sie meinen, es seinatürlich, obwohl es genau das Gegenteil ist, es istunnatürlich, es ist ein Kunstgriff, es istkünstlich. Der Akt des Lesens oder Sehens ist auch ein kreativer Akt, eine Teilhabe an der Fiktion,klatschen Sie in die Hände, wenn Sie an Feenglauben, und ist das nicht der Fall, entfaltet sich der Zauber nicht, und Tinkerbell stirbt. Kinder wissen das, aber die Leute werden erwachsen und vergessen es, ebenso wie die kleinen Darling-Geschwister Peter Pan vergessen.

Menschen erinnern sich ja an Skandale, darum erinnern sie sich auch an Edward Bonds gesteinigtes Baby. Nicht so sehr erinnern sie sich zum Beispiel an Bonds außergewöhnliches StückLear, das sich mit Shakespeares gewichtigem Stück auf einen Nahkampf einließ, irgendwie alle Runden überstand, nicht platt gewalzt wurde und mit dem aus dem Kampf hervorging, was man in England »a draw«, ein Unentschieden, nennt und in Amerika mit einem seltsamen Bild aus dem textilen Bereich, »a tie«, eine Schleife, bezeichnet. Die Menschen erinnern sich nicht oder vielleicht doch, vielleicht erinnern sich manche an Edward Bonds StückBingo, in dem Shakespeare als Person auftritt, denn als Schriftsteller entkommt man dem Mann nicht. (Ich habe eine Shakespeare-Büste aus Messing als Türklopfer an der Tür zu meinem Arbeitszimmer, sodass ich jeden Tag, wenn ich es betrete, um zu arbeiten, an meine Tür klopfen und mir selbst erlauben kann hineinzugehen. Ich weiß, dass ich nicht meinen Bereich betrete, sondern seinen, Shakespeares, den kein Türklopfer begrenzen oder einschränken kann, der aus dem Türklopfer heraushüpft, das Zimmer hinter der Tür in Besitz nimmt und es beherrscht, so wie er alle Räume im armen, reichen Haus der Literatur beherrscht.)

Edward Bonds Shakespeare in dem StückBingo, a