KAPITEL 1
Die Uhr geht rückwärts
Wir im Westen sind es gewohnt, überall um uns herum Frauen zu sehen. Wir sehen sie als Kolleginnen im Büro, sie sitzen neben uns im Bus, sie sind Gäste in Restaurants, joggen auf den Bürgersteigen und arbeiten in Geschäften. Wir sehen auch mehr Frauen als je zuvor in Führungspositionen als Regierungschefinnen, Ministerinnen, Kanzlerinnen, Direktorinnen und Chefinnen. Frauen, die in den 1990er-Jahren und danach in westlichen Ländern geboren wurden, betrachten dies als gegebene Tatsache. Sie denken nicht darüber nach, dass der Gang zur Schule oder der Aufenthalt in einem Café ein Triumph des Liberalismus ist. In manchen Teilen großer und mittelgroßer westlicher Städte allerdings macht man in diesen Tagen vielleicht eine seltsame Beobachtung: Es sind einfach keine Frauen unterwegs – oder nur sehr wenige.
Bei einem Gang durch bestimmte Viertel von Brüssel, London, Paris oder Stockholm fällt einem plötzlich auf, dass da nur Männer sind. Die Verkäufer, Kellner und Gäste in Cafés sind allesamt Männer. In nahe gelegenen Parks sieht man nur Männer und Jungen, die Fußball spielen. In den Höfen und Klubräumen von Wohnblocks trifft man redende, lachende, rauchende Männer. Auf einem Kontinent, den Jahr für Jahr Millionen von Touristen besuchen, um den weiblichen Körper als Kunstobjekt oder als Träger der neuesten Mode zu erleben, mutet das ein bisschen merkwürdig an. Was ist mit den Frauen passiert? Warum sitzen sie nicht mehr in den Cafés und plaudern nicht mehr draußen auf der Straße?
Die Antwort lautet: Manche Frauen haben sich aus diesen Vierteln zurückgezogen, andere wurden vertrieben, und wieder andere sind zu Hause und unsichtbar. Wenn mehr und mehr Frauen diesen öffentlich zugänglichen Orten in solchen Vierteln fernbleiben, sind die wenigen, die noch verbleiben, exponiert und ziehen die Aufmerksamkeit von Männern auf sich, die dort wohnen. Es besteht keine offizielle Segregation, aber ein Gefühl des Unbehagens und der Schutzlosigkeit reicht aus, um jede Frau, die alleine unterwegs ist, frösteln zu lassen und ihr den Gedanken nahezulegen: »Hier werde ich nicht mehr entlanggehen.«
Frauen werden in solchen Gegenden aus dem öffentlichen Raum hinausbelästigt. Manche Männer rufen ihnen zu: »He, Schätzchen, gib mir deine Telefonnummer« oder »hübscher Arsch« oder »Was machst du hier?«. Unabhängig vom Alter und vom Aussehen, in ihrer Eigenschaft als Frauen und vor allem, wenn sie allein sind, erleben sie die gleiche Behandlung. Ein hartnäckiger Bedränger geht einer Frau unter Umständen hinterher, berührt sie und stellt sich ihr in den Weg. Macht eine Frau einen schutzlosen Eindruck, gehen manche Männer weiter: Sie wählen sie als Zielobjekt, umzingeln sie und schüchtern sie ein, begrapschen sie, zerren an ihrer Kleidung, und manchmal tun sie Schlimmeres.
Solche Vorfälle kommen immer häufiger vor. Frauen und Mädchen aus ganz Europa berichten von Belästigungen beim Einkaufen, in Schulen und an Universitäten, in Schwimmbädern, in Nachtklubtoiletten, in Parks, bei Festivals, auf Parkplätzen. Sie sagen, dass Wohnstraßen und öffentliche Plätze nicht mehr sicher seien. Und ihre Angreifer belästigen sie völlig schamlos in aller Öffentlichkeit.
Belastbare Daten zu diesem Phänomen zu finden, ist bekanntermaßen schwierig. Meine Forschungsassistentinnen und ich haben zwei Jahre mit der Durchsicht der verfügbaren Quellen verbracht – Kriminalstatistiken, Gerichts-, Polizei- und Regierungsberichte, akademische Quellen –, und keine davon liefert ein umfassendes Bild. Wir wissen, dass nur ein kleiner Teil der von sexueller Gewalt betroffenen Frauen solche Taten auch anzeigt