INTERMEZZO
DIE WANDERER
AUSZUG AUS:DIE ANDEREN EDEN – SPEKULATIVE EVOLUTION UND INTELLIGENZ VON RUTH EMERSON, PROFESSORIN AN DER UNIVERSITY OF CALIFORNIA
Nach langer Zeit näherte sich die beschauliche Periode des Ediacariums mit ihren sessilen Polsterformen dem Ende. Die energiesparende Biologie dieser trägen Spezies wurde in rasantem Wandel von der Welt der Zähne und Klauen, des Wettbewerbs und der Prädation verdrängt. Die Totenglocke für das Ediacarium läutete, als eine Spezies entdeckte, wie viel effizienter als mit dem Filtern von Detritus aus dem Wasser man seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, wenn man Material von seinen wehrlosen Nachbarn raubte.
Es folgte eine regelrechte Explosion biologischer Vielfalt. Polster kamen aus der Mode. Zwar saßen einige Kreaturen immer noch auf einem Fleck und siebten Schwebstoffe aus dem Wasser, doch die Welt wurde von neuen Zwängen umgeformt. Das Leben verspürte ein dringendes Bedürfnis nach Bewegung – auf etwas zu bei den Raubtieren, von etwas weg bei der Beute – man überfiel aus dem Hinterhalt, fraß auf und suchte Schutz.
Willkommen im Kambrium.
Einige Arten entwickelten Muskeln und wurden flink und geschmeidig: schlanke lebende Bänder, die sich durch das Wasser schlängelten. Andere vergruben sich im Sediment. Wieder andere flüchteten sich aus schierer Verzweiflung in eine neue Strategie: An ihren harten Körpern sollten sich die Raubtiere die Zähne ausbeißen und die Klauen stumpf reiben. Unerwünschte Spurenelemente und chemische Verbindungen, die sich wie Nierensteine überall in den Organismen angereichert hatten, wurden nun als Panzerung an die Außenseite abgesondert. Diese Geschöpfe sollten in jeder Zeitlinie die ersten sein, die an Land und in die Luft gingen. Denn dies ist nureine Zeitlinie von vielen.
In unserer Welt erbten die lebenden Bänder etwas, das noch wichtiger war. Der innere Stab, an dem ihre Muskeln hingen, wurde schließlich zu einem Teil des Rückgrats. Und sie wurden im Laufe einer halben Milliarde Jahre zuuns. Aber nicht in dieser Welt.
Warum? Den genauen Zeitpunkt, zu dem ein Finger die Waagschale berührt und sie anders neigt, als es in unserer eigenen Geschichte der Fall war, gibt es nicht. Vielleicht diktiert nur der Zufall, welches Saatkorn der Zeit keimen wird und welches nicht.
Die großen Raubtiere dieser kambrischen Meereslandschaft sind die Anomalokariden. Auch sie haben einen Panzer. Ihr Körper hat wie bei den Tintenfischen die Form einer Feder, er wird flankiert von flachen Flossenbeinen, die sich wie Wellen kräuseln und sie rasch durch das Wasser schießen lassen. Mit riesigen Stielaugen suchen sie nach ihrer Beute, wozu in ihrer Welt so gut wie alles gehört, was sich bewegt. In dieser Zeitlinie sind sie möglicherweise etwas schneller, ihre Augen sind schärfer, und ihre Arme packen flinker zu als in allen anderen.Unsere mutmaßlichen Vorfahren