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19. Oktober 2018, Freitag
»Bist du bereit?«, fragt Julia und zieht die Handbremse an. »Das wird alles andere als angenehm.«
Raúl neben ihr auf dem Beifahrersitz nickt mit ernstem Gesicht. Wenn ein Mensch von einem Zug überfahren wird, ist es meist besonders hart. Züge sind gnadenlos, wenn sie auf einen menschlichen Körper treffen.
Die Tropfen, die sich auf der Windschutzscheibe ansammeln, schimmern blau vom Licht des Streifenwagens, der die Zufahrt zum Unfallort blockiert. Julia und Raúl, die der Ertzaintza, der baskischen Autonomiepolizei, angehören, wechseln einen letzten resignierten Blick, bevor sie aus dem Auto steigen. Sie müssen auf den Gleisen nach Hinweisen und biologischen Überresten suchen. Und das momentan Wichtigste tun: das Opfer identifizieren und die Angehörigen benachrichtigen. Es ist schon nicht leicht, an einer Tür zu klingeln, um jemandem den Tod eines geliebten Menschen mitzuteilen, doch die Nachricht zu überbringen, dass dieser geliebte Mensch Selbstmord verübt hat, ist noch schlimmer. Wie erklärt man jemandem, dass sich sein Sohn, seine Schwester oder der Ehemann das Leben genommen hat? Eine Tat, die die ganze Familie unvermeidlich mit schwer zu überwindenden Schuldgefühlen erschüttert?
Julia spürt, wie ihr die Regentropfen übers Gesicht laufen. In diesem Jahr ist die Kälte früher gekommen als sonst. Wo sind die eigentlich zu dieser Jahreszeit üblichen Tage des Südwinds? Wenigstens haben sie noch ein paar Stunden bei Tageslicht, denkt sie mit Blick in den Himmel. Denn es ist noch etwas ganz anderes, sich einer derart grausigen Szenerie bei künstlichem Licht zu stellen.
»Da ist der Ehemann«, teilt ihnen der Polizist mit, der die Straßensperre überwacht. »Er ist am Boden zerstört.«
»Der Ehemann?«, fragt Julia mit gerunzelter Stirn. »Wer hat ihn benachrichtigt?«
»Niemand. Er war schon hier, als wir gekommen sind. Er ist der Lokführer.«
Julia und Raúl, die, wie bei derartigen Ermittlungen üblich, Zivil tragen, tauschen diesmal einen verwunderten Blick. Warum hat die Frau, um sich das Leben zu nehmen, den Zug ihres Mannes gewählt? Sie schlüpfen gebückt unter dem Absperrband hindurch und gehen auf den Mann zu. In seiner Uniform des baskischen Eisenbahnunternehmens EuskoTren sitzt er auf einer Betonmauer und weint mit schmerzlich verzerrtem Gesicht.
»Wir können ihn nicht davon überzeugen, dass es besser ist, mit uns zu kommen«, erklärt einer der Sanitäter, die sich um ihn kümmern.
»Natalia …«, stammelt der Lokführer. »Warum sie? Natalia …« Nur wenige Schritte entfernt steht als stummer Zeuge des schmerzhaften Klagens der weiße Regionalzug auf dem schmalen Gleis. In der Luft liegt der bei Zugunglücken unverwechselbare metallische Geruch.
Julia legt d