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Seit meinem Examen vor acht Jahren arbeite ich nun schon bei Steinkopf AhmadiLLP, erst als First-Year-Associate, dann als Associate, und inzwischen bin ich zum Senior Associate aufgestiegen. Ich habe eine Firmenkreditkarte, ein schickes Büro und verdiene mehr, als ein alleinstehender Mensch jemals ausgeben könnte. Und doch habe ich immer noch Herzklopfen, wenn der Lift im achten Stock zum Stehen kommt und sich die Tür fast lautlos öffnet. Es ist eine seltsame Mischung aus Vorfreude, Lampenfieber und Angst, die in meinem Bauch aufsteigt: Vorfreude auf die Arbeit und meine Kollegen, von denen manche inzwischen fast so etwas wie eine Familie geworden sind – immerhin verbringe ich mit niemandem mehr Zeit als mit ihnen. Lampenfieber, weil man als Anwältin immer performen muss, weil man ja irgendwie eine Rolle spielt. Und Angst, tja … die würde ich öffentlich natürlich niemals zugeben, aber da ist sie immer: Angst davor, eines Tages vor einer Aufgabe zu stehen, der ich nicht gewachsen bin. Angst, gezwungen zu sein, einen Klienten an eine erfahrenere Kollegin oder einen Kollegen verweisen zu müssen. Angst: zu scheitern.
All das strömt gleichzeitig durch meine Adern, wenn ich unsere perfekt designten Kanzleiräume betrete und meine Schritte durch die Eingangslobby hallen. Aber dann holt mich auch schon die Realität wieder ein, und während ich auf den Empfangstresen zulaufe, fallen mir all die Dinge ein, die ich als Erstes erledigen muss: E-Mails, Post, ein wichtiges Telefonat, eine noch wichtigere Akte.
»Morgen!«, grüße ich Romina hinter ihrem Tresen und marschiere an ihr vorbei.
»Guten Morgen, Frau Thome!«Romina sieht nur halb von ihrem Computer auf, und ihr dunkelrot geschminkterMund verzieht sich zu einem säuerlichen Lächeln. Ich habelange nicht verstanden, warum Carl Steinkopf sie eingestellt hat, denn für eine Empfangsdame ist sie wirklich unfassbar unfreundlich. Obendrein ist sie spindeldürr und vom Wesen her ungefähr so einladend wie ein Sack Nägel. Andererseits ist sie angstfrei und wirklich sehr penibel. Sie würde unter Einsatz ihrer langen Fingernägel verhindern, dass irgendjemand Unberechtigtes die Kanzleiräume betritt.
»Gibt es Post für mich?«
»Hat Frau Marquez schon abgeholt.«
Frau Marquez ist Cecilia, meine Sekretärin. Na gut, eigentlich ist sie nicht meine Sekretärin, sondern nur die von meinem Chef, Carl Steinkopf, dem Gründer der Firma. Als Senior Associate hätte ich gar keinen Anspruch