: Eva Ladipo
: Räuber Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641267100
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 544
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wem gehört die Stadt?

Als die Sozialwohnung verkauft wird, in der er mit seiner Mutter lebt, weiß Olli Leber, was das zu bedeuten hat: Menschen wie er haben kein Recht mehr auf ein Leben im Zentrum Berlins. Doch der junge Bauarbeiter will sich nicht stillschweigend entsorgen lassen und bläst zum Gegenangriff.

In Amelie Warlimont findet Olli eine unverhoffte Mitstreiterin, denn die bekannte Journalistin hat alte Rechnungen zu begleichen und ihre eigenen Gründe, sich von der Stadt verraten zu fühlen. Gemeinsam ziehen die beiden in einen Kampf um Gerechtigkeit. Ein Kampf, der immer mehr außer Kontrolle gerät.

Eva Ladipo, geboren 1974, studierte in Cambridge Politische Wissenschaften und wurde mit einer Arbeit über das russische Steuersystem promoviert. Sie begann als Journalistin bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und arbeitete zuletzt für die »Financial Times«. Sie lebte längere Zeit in Russland und Kolumbien und wohnt jetzt mit ihrem Mann und zwei Kindern in London. 2015 veröffentlichte sie ihren ersten Roman: »Wende«.

1


»Schläfst du?«, flüsterte sie. Ihr blieb nicht viel Zeit, bald wurde es hell. Sobald das Baby aufwachte, musste sie aufbrechen, um den Plan umzusetzen, den sie in der zurückliegenden Nacht entwickelt hatten. Weil er nicht reagierte, versuchte sie es noch einmal. »Olli?«

Er zuckte.

»Bist du wach?« Sie strich ihm über den verschwitzten Kopf. Es hatte noch immer etwas Unwirkliches, diesen Fremden, der auf ihr lag, überhaupt anzureden. Sie sprach den Namen behutsam aus, wie eine Zauberformel, als sei er der Schlüssel zu dem ganzen Wahnsinn. Als müsste sie die zwei Silben nur richtig betonen, um das Rätsel der vergangenen Wochen zu lösen und zu begreifen, was sie zu tun imstande war. »Olli.«

Er rollte zur Seite und landete halb auf dem Boden. Die fleckige Matratze war zu schmal, als dass sie nebeneinander Platz fanden. Vom Liebesspiel benommen und doch aufnahmefähiger als zuvor, sah er sie an, das Gesicht auf die Hand gestützt. Auch er hatte das Bedürfnis, die gemeinsame Legende wiederaufzunehmen und weiterzuspinnen und sich gegenseitig zu versichern, dass sie das Richtige taten. Wenn sie sich die Dinge so zurechtlegten, dass sie auf der Seite des Guten und Gerechten standen, dass sie für die Armen und gegen die Reichen kämpften, dann legte das ein Ende nahe, in dem der Plan gegen alle Wahrscheinlichkeit aufging. David hatte Goliath am Ende schließlich auch bezwungen.

»Weißt du, was ich glaube?« Ihr Blick war nach oben gerichtet. Dort, wo einmal die Lampe angebracht war, hing jetzt ein Knoten aus dünnen Kabeln von der vergilbten Decke. Während er wartete, dass sie weitersprach, folgte er ihrem Blick. Er sah genauer hin und stellte fest, dass der Nullleiter fehlte. Es war ein uralter Elektroanschluss. Die ungeschützten Kabeladern waren nicht einmal richtig abgeklemmt.

»Ich glaube, dass es viel mehr perfekte Verbrechen gibt, als man denkt.«

»Was?«

»Dabei werden keine Spuren hinterlassen. Perfekte Verbrechen werden nicht nur nicht aufgeklärt, sondern sie werden nicht einmal bemerkt. Wahrscheinlich wird jeden Tag eine Unzahl an Straftaten begangen, von denen niemand etwas mitbekommt.«

»Außer den Opfern.«

»In vielen Fällen begreift nicht einmal das Opfer, was passiert.«

Er stieß die Luft aus. »In unserem schon.«

»Das stimmt. In unserem Fall können wir das Opfer leider nicht verschonen.« Sie legte eine kurze Gedenkpause ein. »Aber ich meine jetzt allgemein. Wenn es ständig überall passiert und es nur keiner merkt – dann ist das, was wir vorhaben, gar nicht so außergewöhnlich. Ich find