EINS
Zu meinem Leidwesen war ich ausgerechnet an diesem Tag unsichtbar. Ich hasse Unsichtbarkeit. Alle optischen Beschwörungszauber führen bei mir zu Kopfschmerzen und einem rauen Hals – ich vermute, Letzteres liegt daran, dass man die Runen verschlucken muss. Aber Unsichtbarkeit ist am schlimmsten.
Natürlich gibt es gute Gründe, sich mit einem rauen Hals abzufinden. Wenn niemand einen sehen kann, dann können sie einen auch nicht fangen und aufhängen. Das Erbärmliche an Unsichtbarkeit sind jedoch die Nebenwirkungen des Zaubers. Er manipuliert das Licht, um das Auge des Betrachters zu verwirren, aber er verändert zugleich die Sehkraft der Person innerhalb des Zaubers so sehr, dass dieser davon übel wird. Als ich endlich die Scheune fand, schlug ich mich schon seit drei Tagen mit Migräne herum und hatte nur noch einen Wunsch: nämlich auf einem Heuhaufen in tiefer Bewusstlosigkeit zu versinken, bis der Zauber abklang. Na ja, eigentlich hätte ich auch gern eine Tasse heißes Wasser mit Honig gehabt, aber daraus würde nichts werden. Eine Grassodenscheune mit undichtem Dach im kalten Heideland unweit von Fenwydd, in der sichkeine zwanzig scheißenden Ziegen drängten, war schon ein Glücksfall. Man kann nicht alles haben.
Wahrscheinlich hätte ich die Frau früher bemerkt, wenn ich nicht unsichtbar gewesen wäre und versucht hätte, nichts anzuschauen. Sie hätte mich bestimmt gesehen, als sie in die Scheune gerannt kam und in meinen Heuhaufen hechtete. Und auf meinen Schoß.
»Was, zu allen Teufeln …« Sie drehte sich auf mir um und rammte mir einen spitzen Ellbogen in den Bauch.
»Au«, sagte ich.
Sogar im schwachen Licht der Scheune sah ich, wie sie die Augen einen Sekundenbruchteil lang weit aufriss, bevor sie nach Luft schnappte. Ich packte sie an der Schulter und hielt ihr mit der freien Hand den Mund zu. »Bitte nicht schreien.«
Sie verteilte Fausthiebe ungefähr in meine Richtung, bis sie die empfindliche Stelle an meinem Ellbogen erwischte.
»Au, verdammt!« Ich ließ sie los und hielt mir die taube Hand.
Sie kroch eilig weg von mir, rannte aber nicht zur Tür. »Wo bist du?«
»Ich sitze auf einem Heuhaufen und hoffe, dass du mir eben nicht den Arm gebrochen hast«, sagte ich. »Wo scheine ich denn zu sein?«
»Warum kann ich dich nicht sehen?«
»Ich bin ein Geist«, schlug ich vor. »Buuuuuh. Verschwinde.«
Sie musterte den Heuhaufen mit zusammengekniffenen Augen. »Ist das Magie?«
Bei allen Göttern und kleinen Heiligen. »Nein. Unsichtbare Menschen sind ein völlig natürliches Phänomen.« Ich holte tief Luft und machte mir die Mühe, angestrengt genug an der Migräne vorbeizuspähen, um einen Eindruck von der Frau erhaschen zu können. »Bekommen wir Probleme?«
Sie musste ungefähr Mitte zwanzig sein, aber für jemanden mit einem üblen linken Haken war sie nicht sehr groß. Sie verschwand förmlich in einem schlichten Hemd und einer Hose, die für eine viel größere Person gemacht waren. Ihre dunkelbraunen Augen hatten einen sonderbaren grünen Kreis um die Pupille,