02 Maloja – kein Pass für schwache Nerven
von Daniel Badraun
Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen meinen neuen Chef kurz vorstelle. Steffen Schmidt ist 48 Jahre alt, im besten Alter und glücklicher Single. Seit zwei Monaten ist er Eventmanager im Maloja Palace. Sein Auftrag ist es, die Geschichte des Hauses, erbaut zwischen 1882 und 1884, weiterzuschreiben. Die glamouröse Anfangsphase des Hotels endete leider bereits nach wenigen Monaten, weil in Italien die Cholera ausbrach und die Grenzen geschlossen wurden. Der belgische Graf Camille de Renesse erlitt mit seinem Unternehmen Schiffbruch und verlor sein ganzes Vermögen.
Für die New-Palace-AG soll Schmidt eine Tradition weiterführen und den einen oder anderen Traum des Barons wahr werden lassen. Das ist eine Herausforderung, die ganz nach seinem Geschmack zu sein scheint. Und ja, ich, Gregor Lüscher, bin natürlich mit dabei als erster Assistent des Chefs. Vorerst jedenfalls. Es würde uns freuen, wenn wir Sie schon bald zu unseren neuen Gästen zählen dürften.
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Ein Alpenpass hat zwei Seiten. Normalerweise startet man auf der einen Seite und fährt hoch bis zum Hospiz, bis zum höchsten Punkt mit der Tafel, auf der die Höhe über Meer angegeben ist. Dann geht es auf der anderen Seite hinunter in ein neues Tal, in eine neue Region. Eine Passfahrt ist für viele Flachländer etwas Besonderes, sowohl für Motorradfans, die das ultimative Kurvengefühl suchen, als auch für Automobilisten. Umgeben von einer schützenden Blechschicht erleben diese die Bergwelt aus einer sicheren Distanz.
Im Engadin sind Passfahrten eine Notwendigkeit. Um das Tal zu verlassen, müssen Bewohner und Gäste über die Berge. Steffen als Zugezogener ärgert sich jedes Mal, wenn ihm der Weg in den Süden versperrt wird. Das Hindernis versucht er möglichst schnell hinter sich zu lassen, mit einer ordentlichen Ladung PS unter der Haube.
Etwas langsamer geht es bei den Radfahrern, die für eilige Automobilisten ein weiteres Ärgernis sind. Aus eigener Muskelkraft überwinden sie mit energischen Kurbeldrehungen Höhenmeter um Höhenmeter. Es gibt die Tourenfahrer mit schwer bepackten Rädern, die schwitzend ihre Routenwahl verfluchen und sich später ganz oben stolz in den Armen liegen, ein Foto für ihren Social-Media-Account schießen und danach die Abfahrt in Angriff nehmen.
Wer mit dem Mountainbike am Berg herumkurvt, befährt das einsame Tal, als hätte er es selber entdeckt, und springt über Steine wie ein Zicklein, das zum ersten Mal aus dem Stall darf. Die Mountainbikerin und der Mountainbiker fahren gerne auf rauen Wegen, je wilder, desto besser. Wenn sie am Abend schmutzbespritzt nach Hause kommen, war es ein guter Tag für sie, von dem sie noch lange erzählen können. Für Steffen ist das nichts, er schwitzt lieber im hoteleigenen Fitnessstudio oder in der Sauna spätabends, wenn die Gäste längst an der Bar sitzen.
»Wenn du hier im Tal so richtig ankommen, Wurzeln schlagen und die Berge spüren willst«, sagt Greg, sein engster Mitarbeiter, immer mal wieder, »musst du sie selber erobern.«
Mitarbeiter ist eigentlich falsch, Greg ist der Untergebene, der Assistent, doch Steffen will nicht, dass ein zu großes Gefühl der Hierarchie aufkommt, denn Greg hatte sich ebenfalls für die Führungsstelle beworben, die Steffen als Fremder mit besten Qualifikationen nun innehat. So bemüht er sich um einen kollegialen Ton, lässt aber nie Zweifel aufkommen, dass er am Ende das letzte Wort haben würde.
Greg gehört zu den harten Mädels und Jungs, die das Rennrad für ihre Passfahrten nehmen. Sie legen kei