Was will ich eigentlich?
»Das Schlimmste ist,
wenn man sich selbst vergisst.«
Konfuzius[9]
Eines Tages kam ein gut aussehender, salopp gekleideter Mittvierziger in die Praxis, ein sportlicher Typ mit wachen Augen und einem verbindlichen Lächeln. Er sagte meiner Chefin nicht, was er beruflich mache und wo er arbeite, nur, dass er ein sehr erfolgreicher Manager sei und dafür in den letzten zwanzig Jahren hart gearbeitet habe. Er habe drei wunderbare Kinder, die studierten. Er sei verheiratet, lebe aber seit einiger Zeit getrennt von seiner Frau. Er habe eine neue Partnerin. Beide achteten auf eine gewisse Distanz und ließen dem anderen große Freiräume. Auch sie sei eine erfolgreiche Führungskraft in der Industrie. Sie kämen gut miteinander aus. Er habe in der Vergangenheit viel Geld verdient. Wenn er jetzt seine Firma mit einer entsprechenden Abfindung verließe, bräuchte er nicht mehr zu arbeiten. Müsse man ihn nicht für einen glücklichen Menschen halten, den das Schicksal mit allem großzügig beschenkt habe, wonach sich viele Menschen sehnten?
D: Wenn es so ist, wieso sind Sie dann hier?
K: Sie haben den Ruf einer weisen Frau. Vielleicht frage ich das, damit Sie mich in meiner Vorstellung bestätigen.
D: Ich bin alt und habe in meinem eigenen Leben vieles gesehen und erlebt. Durch die Lebensgeschichten meiner Besucher, die ich manchmal bis zu ihrem Ende begleitete, zunächst als Ratgeber, später als Freund, habe ich viel über den Lauf der Dinge erfahren, der für jeden von uns immer wieder Überraschungen bereithält. Dadurch bin ich vorsichtig geworden, ein Menschenleben für glücklich zu halten, bevor es nicht zu Ende ist. Manche hat das Schicksal noch im letzten Lebensabschnitt hart getroffen.
K: Aber es geht doch nur darum, das zu beurteilen, was im Moment und vielleicht in den letzten zwei, drei Jahren passiert ist, wie sich die konkreten Lebensumstände in dieser Zeit darstellten, wie man sich dabei gefühlt habe und wie man sich im Augenblick fühle.
D: Wie Sie sich fühlen, wissen Sie selbst am besten. Aber so einfach ist das nicht mit der Frage nach dem glücklichen Leben. Zum einen kann der Schein trügen. Manche wohnen in Schlössern und haben keine ruhige Nacht vor Sorgen und Ängsten. Andere wissen nicht, wohin mit ihrem Geld, und meinen, immer noch nicht genug zu haben. Schließlich gibt es Menschen, denen alles zu gelingen scheint und die äußerlich in den beneidenswertesten Umständen leben, gleichwohl sind sie missmutig und übellaunig, können nicht gut allein sein und an nichts mehr tiefe Freude empfinden. Gerade hier in Deutschland leben Hunderttausende von Menschen in einem Wohlstand, der dem von Renaissancefürsten nur wenig nachsteht, und dennoch klagen sie und sind unzufrieden, leiden seelisch und körperlich und lachen viel weniger als die Menschen in ärmeren Regionen der Welt. Ich habe diese Erfahrung in Asien gemacht, wo ich eine Zeit lang gelebt habe. Das trifft natürlich nicht auf alle Deutschen oder Mitteleuropäer zu, vielleicht nicht einmal auf die Mehrzahl. Aber im Verhältnis zu dem, was sie haben, zu den Möglichkeiten, über die sie verfügen, zu dem Frieden, der Freiheit und der Sicherheit, die sie nun schon seit Jahrzehnten umgibt, bleibt der Grad ihrer seelischen Zufriedenheit häufig zurück. Viele scheinen sich gar nicht bewusst zu sein, wie gut es ihnen geht, jedenfalls den äußeren Umständen nach.
K: Aber zu denen gehöre ich nicht, im Gegenteil: Ich freue mich meines Lebens und genieße meine Freizeit, wenn ich auch nicht allzu viel davon habe.
D: Das will ich nicht bestreiten. Ich sehe es Ihnen an. Aber so manchen Menschen hat das Schicksal hoch über alle anderen erhoben, nur um ihn dann umso tiefer stürzen zu sehen. Schauen Sie auf unsere Politiker und das Auf und Ab ihrer Karrieren. Auch über Unternehmer, Manager und Banker kann ein widriges Schicksal mit großer Gewalt hereinbrechen, denken Sie nur an die Bankenkrise von2008. Die alten Weisen im Orient und Okzident meinten, zu großem Reichtum komme man häufig nur auf krummem Wege. Das ist aber ein sehr unsicherer Pfad, den wir in aller Regel nicht unbeschadet begehen. Die Zeitungen sind voll davon, weil die neidischen Menschen solche Geschichten lieben. Wen die Götter vernichten wollen, den überhäufen sie zuvor mit Glücksgütern, sagten die alten Weisen. Deshalb sollen wir auf das Ende sehen und nicht zu früh eine Bilanz unseres Lebens ziehen. Schließlich steigt übermäßiges Glück zu Kopf und macht uns überheblich. Eine solche Geisteshaltung, das lehrt die Erfahrung immer wieder, führt über kurz oder lang zum Scheitern.
K: Aber mit solchem Pessimismus verdirbt man sich die Freude am Hier und Jetzt.
D: Nur wenn wir die falschen Schlussfolgerungen aus dieser Einsicht ziehen. Gerade indem wir uns immer wieder bewusst machen, dass alles einem ständigen Wandel unterliegt, dass alles kommt und geht, dass sich die Phasen des Glücks und des Unglücks abwechseln, dass wir »im Unversicherbaren« leben – solche Vorstellungen im Hinterstübchen unseres Bewusstseins lassen uns einerseits dankbar das geni