Einsam und verlassen
Mike, Elly, Matti und Gabriel hatten wieder einmal riesiges Glück gehabt. Das war ihnen bewusst. Die turbulente Überfahrt in der Rettungsinsel von der sinkenden Jacht hierher auf das kleine Fleckchen Erde mitten im Nordatlantischen Ozean hätten sie auch leicht mit dem Leben bezahlen können!
Mike musste nicht lange darüber nachdenken, was für ihn die schlimmste Variante gewesen wäre: Wenn er als Einziger überlebt hätte. Er mochte es sich gar nicht vorstellen und versuchte, so schnell wie möglich die düsteren Gedanken wieder loszuwerden.
Nachdem alle vier trotz des Kenterns ihrer Rettungsinsel unversehrt am Strand der Insel aufgewacht waren und sich wiedergefunden hatten, wurden sie sich schnell einig, was als Erstes zu tun war: den Strand ablaufen und schauen, was von ihren Sachen angespült worden war. Wenn sie Glück hatten, fanden sie sogar die komplette Rettungsinsel, die sie so sorgsam mit allem Nötigen vollgepackt hatten. Denn genau genommen waren sie gar nicht gekentert, sondern im Sturm von einer riesigen Welle aus der Rettungsinsel herausgeschleudert und fortgetrieben worden.
Mike hatte noch mit aller Kraft versucht, zurück zur Rettungsinsel zu schwimmen, doch dann war ihm plötzlich schwarz vor Augen geworden. Und als Nächstes war er erschöpft, aber unverletzt am Strand erwacht. Er erinnerte sich, dass er noch Matti in seiner Nähe gesehen hatte, kurz bevor er bewusstlos geworden war.
»Warst du fast die ganze Zeit auf der Rettungsinsel?«, fragte Mike ihn.
Matti schüttelte den Kopf. »Ich bin runtergeschleudert worden wie ihr auch. Ich hab noch versucht, wieder zu ihr hinzuschwimmen, habe es aber nicht geschafft.«
Mike nickte. Genauso war es ihm ergangen.
»Da vorn liegt etwas!«, rief Gabriel und lief voraus.
Ungefähr zwanzig Meter weiter stoppte er, bückte sich, zerrte etwas aus dem Sand hervor und hielt es hoch.
»Na super!«, äußerte sich Elly. »Ein verbogener Campingstuhl von der Jacht. Etwas Nutzloseres hätte er kaum finden können.«
Doch Matti widersprach: »Immerhin wissen wir jetzt, dass die Strömung einige Sachen von der Jacht hier angespült hat. Das ist doch ein Hoffnungsschimmer. Dann stehen die Chancen gut, dass wir auch unsere Rettungsinsel wiederfinden.«
»Ist sie das dort vorn?«, fragte Mike.
»Was? Wo?«, wollte Matti wissen.
»Na, dort! Ungefähr hundert Meter hinter Gabriel. Da liegt doch etwas?«
»Das ist ein Felsen«, glaubte Elly.
»Kann sein«, gab Mike zu. »Vielleicht aber auch nicht. Kommt, wir gehen mal hin.«
»Ich hoffe sehr, dass das nicht unsere Rettungsinsel ist«, sagte Matti.
Mike und Elly sahen ihn verwundert an. »Wieso?«
»Weil sie dann vollkommen zerstört wäre«, erläuterte Matti. »Seht euch doch diesen Haufen an. So würde eine intakte Rettungsinsel nie aussehen!«
Mike blieb kurz stehen. Matti hatte recht, dachte er bei sich.
»Trotzdem«, entschied er. »Lasst uns nachschauen!«
Als er ebenfalls bei dem verbogenen Stuhl ankam, wollte Gabriel ihm gerade etwas sagen, doch Mike lief weiter an ihm vorbei. Gabriel blieb mit noch offenem Mund stehen, sah erst Mike hinterher, dann wandte er seinen Blick zu Matti und Elly, die durch den Sand langsamer auf ihn zugestapft kamen.
»Was ist mit Mike los?«, fragte er.
»Er hat dort hinten etwas gesehen«, antwortete Matti.
Gabriel ließ den verbogenen Campingstuhl fallen und stiefelte den beiden hinterher, um mit ihnen nachzusehen, was Mike entdeckt hatte.