: Peter Schneider, Andrea Schafroth
: Jungbleiben ist auch keine Lösung Ein Buch übers Älterwerden
: Zytglogge
: 9783729623286
: 1
: CHF 20.80
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: Psychologie, Esoterik, Spiritualität, Anthroposophie
: German
: 209
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
?Die old, die hard? - älter zu werden macht keine Freude. Das gilt für manche schon mit 22, andere haben erst Mühe damit, wenn die Gicht sie plagt. Aber irgendwann, ob mit 45 oder 65, spüren alle, wie das Leben die Richtung wechselt: Es geht nicht mehr scheinbar endlos vorwärts, sondern auf das Ende zu. Der Psychoanalytiker Peter Schneider und die Journalistin Andrea Schafroth unterhalten sich über die kleinen und grossen Dinge, die einem beim Älterwerden passieren: Sind wir alt, wenn wir uns über Software-Updates ärgern? Gibt es einen ?guten? Tod? Wird die Menopause überschätzt? Warum haben wir keine Lust aufs Altersheim? Ist Sex mit 80 noch empfehlenswert? Wie in ihrem ersten Dialogbuch ?Cool down - wider den Erziehungswahn? werfen sie Klischees über Bord, hinterfragen fixe Vorstellungen und vermeiden einfache Antworten. Das ist mal lustig, mal nachdenklich, mal überraschend, mal schonungslos - und manchmal auch altersmilde.

Peter SchneiderGeb. 1957 in Dorsten, lebt seit 1983 in Zürich und arbeitet dort als Psychoanalytiker sowie als Kolumnist (SRF3, Sonntagszeitung, Tages-Anzeiger und Bund). Er war Professor für Entwicklungs-Psychologie an der Uni Bremen. Seit 2014 ist er PD für klinische Psychologie an der Uni Zürich und seit 2017 Lecturer for History and Epistemology of Psychoanalysis an der IPU in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien von ihm ?Normal, gestört und verrückt. Über psychiatrische Diagnosen?. Andrea SchafrothGeb. 1967 in Biel geboren, hat an der Universität Zürich Spanisch und Germanistik studiert. Sie hat 20 Jahre lang als Journalistin und Redaktorin u.a. für Tages-Anzeiger und NZZ gearbeitet, sich insbesondere mit Gesellschaftsfragen beschäftigt und ist Co-Autorin des Erziehungsbuchs ?Cool down - wider den Erziehungswahn?. Seit 2010 ist sie Mitinhaberin der Agentur ?s2r - schafroth.rijks.rigutto gmbh?, die auf Partizipation und Kommunikation im Städtebau spezialisiert ist. Sie lebt mit ihrem Partner in Zürich und hat drei Kinder.

II.
Das Ende


Der Anfang vom Ende


Sie haben den Alterungsprozess wechselweise mit einem Zuwachs- und einem Verlustmodell beschrieben. Den Verlust nehmen wir mit den Jahren viel stärker wahr. Werden wir blind für das, was wir dazugewinnen?

Nicht unbedingt. Aber die Verluste drängen sich deshalb in den Vordergrund, weil sie oftmals im wörtlichen Sinne viel mehr schmerzen. Denn diese Verluste sind oft gesundheitliche Beeinträchtigungen, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und der Selbständigkeit. Dass man auch klüger geworden ist, verliert man leicht aus den Augen. Im Moment kann ich meine Gicht gut wegstecken, seitdem ich – mehrfach erprobt – weiß, wie schnell Cortison wirkt. Wenn solche Schmerzen ein Dauerzustand werden, wenn man vom Arzt gelobt wird, dass man tapfer ist und das alles sehr, sehr gut macht, dann weiß man, nun ist man in dem Stadium angelangt, wo einem die ganze gewonnene Klugheit nichts mehr nützt. Man wird bestenfalls mit derselben freundlichen Anerkennung bedacht wie eine Fünfjährige, die schon lesen kann.

In jüngeren Jahren ist das Altern vor allem ein Thema für kokettierende Smalltalks. Aber irgendwann wechselt die Perspektive – das Pendel schlägt mit voller Wucht auf die Seite des Verlustes ein. Bei mir passierte das mit 46, als mein Vater starb und kurz darauf eine gute Freundin. Zur Trauer kam das Gefühl, aus dem Leben hinausgeschleudert zu werden beziehungsweise aus dem, was ich bisher für das Leben gehalten hatte. Da ist man die ganze erste Lebenshälfte darauf konditioniert, sich eine Zukunft zu planen: Welche Schulen besuche ich, welche Ausbildung wähle ich, was könnte noch alles aus mir werden, an welchen Partner werde ich mich binden, will ich Kinder haben oder keine, welche Karriereleitern könnte ich noch erklimmen, wo könnte ich überall versagen? Plötzlich merkt man, wie absurd die Vorstellung dieses Vorwärtskommens ist angesichts der Tatsache, dass das Leben zum Tod führt. Man stellt fest, wie viel Energie man in Pläne gesteckt hat, die im Grunde gar keine Relevanz haben. Spielt es angesichts der Pensionierung eine Rolle, ob ich eine Karrierestufe mehr oder weniger genommen habe? Spielt es eine Rolle, ob ich berühmt war oder nicht, wenn ich dement bin? Ich frage mich, warum wir uns im Leben so verbissen auf die Zukunft hin orientieren, bis wir merken, dass sie uns vor allem Verluste bringt.

Man kann die Erfahrungen der Zukunft nicht vorwegnehmen. Soll man einem Kind sagen: Angesichts des Todes, der uns alle mal erwischt, ist es doch sowas von scheißegal, ob du ein Playmobil-Auto bekommst oder nicht. Hör also auf mit dem Theater! Ich empfinde es inzwischen als befreiend, wie sich der Gedanke des Vorwärtskommens relativiert; aber es ist traurig, wenn man in einem Angesichts-der-Ewigkeit-ist-doch-alles-wurscht-Klima aufwächst. Die Zeit dazwischen – zwischen Kindheit und hohem Alter – hat eben ihr eigenes Recht. All