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Brice und Lara saßen sich allein an dem langen Eichenholztisch im Esszimmer gegenüber. Stilvolle dunkle Möbel, weißes Leinen, poliertes Silber, das im Kerzenschein glänzte, Henri in seiner Butler-Livree, der die Speisen auftrug – Lara fühlte sich wie in einem historischen Film. Oder noch eher wie in einem Traum. Dinierte sie wirklich mit Brice Montaigneux und plauderte mit ihm über ihr Leben? Versenkte er tatsächlich immer wieder seine im Kerzenlicht dunkel schimmernden Augen in ihre und hörte ihr aufmerksam zu?
Das Essen war köstlich, und Lara liebte gutes französisches Essen, doch an diesem Abend erschien es ihr wie störendes Beiwerk, auf das sie sich nicht so richtig konzentrieren konnte.
»Seit wann leben Sie wieder in Deutschland?«, fragte Brice.
»Genau genommen bin ich zwei Mal nach Deutschland zurückgegangen. Das erste Mal mit zwölf, nachdem mein Vater gestorben ist. Meine Mutter hatte Heimweh und ist mit mir und meinem Bruder nach Mainz gegangen, in ihre Heimatstadt. Ich habe da die Schule fertig gemacht und dann in Heidelberg meine Ausbildung zur Europasekretärin. Danach habe ich angefangen in München zu arbeiten. Allerdings nur kurz, denn inzwischen hatte ich mich in einen Franzosen verliebt und bin mit ihm nach Bordeaux gegangen. Benjamin ist kurz danach geboren worden. Wegen der Arbeit sind mein Mann und ich nach Paris gezogen. In Bordeaux findet man nicht so leicht was, wenn man nicht von hier stammt.«
Brice nickte. »Ich weiß. Wir sind hier sehr regionalbewusst. Erst die Bordelaisen, dann die restlichen Franzosen, und Ausländer möglichst gar nicht. Jedenfalls war es noch so in den Neunzigern, als Sie hier gelebt haben. Inzwischen hat es sich etwas gelockert. Wir sind kosmopolitischer geworden. Also sind Sie wieder in Ihre Geburtsstadt Paris zurückgekehrt.«
»Ja. Fünf Jahre später Scheidung.« Lara nahm einen langen Schluck von dem exzellenten Bordeaux. »Ich brauchte einen Tapetenwechsel, und Benjamin war noch nicht in der Schule. Ich hatte auch gleich ein tolles Jobangebot. Als Vorstandssekretärin bei dem großen Unternehmen in Frankfurt, wo ich bis vor einem Jahr gearbeitet habe. Da habe ich zugegriffen. Auch weil meine Mutter gesundheitlich ziemlich angeschlagen war und ich sie nicht allein lassen wollte. Mein Bruder ist nämlich gleich nach dem Abi nach Paris zurückgekehrt, hat dort studiert und eine Familie gegründet. Er hat sich an Deutschland nie so richtig gewöhnen können.« Lara lachte ein wenig und schnitt einen Bissen von dem zarten Filetsteak ab.
»Und Sie?«
»Ich bin hin- und hergerissen. In Deutschland fühle ich mich wie eine Französin und in Frankreich wie eine Deutsche.« Sie seufzte. »Also immer etwas anders als die anderen.«
Während Brice Lara zuhörte und sie beobachtete, fühlte er sich schmerzlich an Anna erinnert. Die gleichen lebhaften braunen Augen unter fein gezeichneten Brauen, die edlen ebenmäßigen Züge mit den langen Grübchen in den Wangen, wenn sie lächelte, das weiche, lockige braune Haar und auch die gertenschlanke und dennoch weibliche Figur. Anna war lediglich etwas kleiner gewesen. Und sogar die schmalen, sorgfältig manikürten Hände ähnelten denen Annas, nur dass Lara sparsamer gestikulierte. Sie war eben keine Italienerin. Und sie wirkte weniger emotional, weniger zerbrechlich als Anna. Konnte sie sich in ihrem Beruf im rauen Klima von Vorstands- und Geschäftsführungsetag