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Früher wurde Vachel Carmouche in den staatlichen Personalakten stets als Elektriker geführt, niemals als Henker. Das war zu der Zeit, als der elektrische Stuhl manchmal im Angola stand, mitunter aber auch auf einem Tieflader mitsamt seiner Generatoren von Bezirksgefängnis zu Bezirksgefängnis gekarrt wurde. Vachel Carmouche erledigte die Arbeit des Staates. Er machte seine Sache gut.
Wir in New Iberia wussten, welchen Beruf er ausübte, gaben uns aber ahnungslos. Er lebte allein oben am Bayou Teche in einem ungestrichenen, mit Wellblech gedeckten Zypressenholzhaus, das tief im Schatten dunkler Eichen lag. Er pflanzte keine Blumen in seinem Garten und rechte ihn selten, aber er fuhr stets ein neues Auto, das er gewissenhaft wusch und pflegte.
Jeden Morgen sahen wir ihn in aller Frühe in seinen frisch gebügelten, grauen oder khakifarbenen Sachen, eine Segeltuchkappe auf dem Kopf, allein am Tresen in einem Café an der East Main Street sitzen, wo er die anderen Gäste im Spiegel musterte, mit halb offenem Mund und leichtem Überbiss über seine Kaffeetasse gebeugt, als wollte er etwas sagen, obwohl er sich nur selten auf ein Gespräch einließ.
Wenn er einen dabei ertappte, dass man ihn anschaute, lächelte er rasch und legte das braun gebrannte Gesicht in Hunderte von Fältchen, doch das Lächeln passte nicht zu dem Ausdruck in seinen Augen.
Vachel Carmouche war Junggeselle. Falls er Freundinnen hatte, bemerkten wir nichts davon. Hin und wieder kam er inProvost’s Bar& Poolsalon, setzte sich an meinen Tisch oder neben mir an den Tresen und deutete damit unterschwellig an, dass wir beide Ordnungshüter waren und daher über eine gemeinsame Erfahrung verfügten.
Damals trug ich noch die Uniform der Polizei von New Orleans und war scharf auf Jim Beam, am liebsten pur mit einer Flasche Jax-Bier daneben.
Eines Abends traf er mich allein an einem Tisch beiProvost’s an und setzte sich, eine weiße Schale mit Gumbo in den Händen, unaufgefordert hin. Ein Tierarzt und ein Lebensmittelhändler, mit denen ich getrunken hatte, kamen aus der Männertoilette, warfen einen Blick zum Tisch und gingen dann zur Bar, kehrten uns den Rücken zu, bestellten sich ein Bier und tranken es dort.
„Man muss dafür bezahlen, dass man ein Cop ist, stimmt’s?“, fragte Vachel.
„Sir?“, sagte ich.
„Sie brauchen mich nicht mit ‚Sir‘ anzureden … Sind Sie viel allein?“
„Nicht unbedingt.“
„Ich glaube, das bringt der Beruf mit sich. Ich war einst bei der Staatspolizei.“ Er senkte den Blick und wandte die Augen, die so grau waren wie sein gestärktes Hemd, dem vor mir stehenden Schnapsglas und den Ringen zu, die mein Bierkrug auf der Tischplatte hinterlassen hatte. „Ein Trinker hört daheim allerhand Echos widerhallen. Wie wenn ein Stein in einen trockenen Brunnen fällt. Nichts für ungut, Mr. Robicheaux. Darf ich Ihnen eine Runde ausgeben?“
Das neben Vachel Carmouches Anwesen gelegene Grundstück gehörte der Familie Labiche, Nachkommen so genannter freier Farbiger, wie man sie vor dem Bürgerkrieg nannte. Der Begründer de