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Die Familie Giacano hatte sich bereits zu Zeiten der Prohibition sämtliche schwarzen Geschäfte in den Bezirken Orleans und Jefferson unter den Nagel gerissen. Freibrief und Genehmigung dafür kamen natürlich von der Kommission in Chicago, und kein anderer Familienclan traute sich jemals, in ihr Revier einzudringen. Seither waren Prostitution, Hehlerei, Geldwäsche, Glücksspiel, Kreditwucher, Arbeitsvermittlung, Drogenhandel und sogar das Wildern in Südlouisiana ihre ureigene Domäne. Kein Straßengangster, Betrüger, Einbrecher, kein Dieb, Lockvogel oder Zuhälter stellte das jemals in Frage, es sei denn, er wollte sich eine Aufnahme davon anhören, was Tommy Figorelli (auch bekannt als Tommy Fig, Tommy Fingers, Tommy Five) zum Aufheulen der Elektrosäge zu sagen hatte, kurz bevor er gefriergetrocknet und in Einzelteilen an den hölzernen Ventilatorblättern in seiner eigenen Metzgerei aufgehängt wurde.
Deshalb war Sonny Boy Marsallus, der in der Sozialsiedlung in Iberville aufgewachsen war, als dort noch lauter Weiße wohnten, in den siebziger und achtziger Jahren eine Art Wunder gewesen. Er beteiligte sich nicht am Geschäft, ließ sich weder auf Zuhälterei noch auf Drogen- oder Waffenhandel ein, und er sagte dem fetten Alten, Didoni Giacano persönlich, dass er zu denWeight Watchers gehen oder sich für die Rettung der Wale einsetzen sollte. Ich sehe ihn immer noch vor mir, wie er an einem gleißend blauen Spätnachmittag im Frühling, als die Palmwedel im Wind rasselten und die Straßenbahn klingelnd auf dem Mittelstreifen vorbeifuhr, knapp unterhalb des altenJung-Hotels draußen auf dem Gehsteig stand, die Haut makellos wie Milch, die bronze-roten Haare leicht eingeölt und seitlich nach hinten gekämmt, und wie immer irgendein Spiel laufen hatte – Craps oder Bourré um hohe Einsätze, wenn er nicht draußen auf der Rennbahn irgendwelche schmutzigen Gelder aus Jersey wusch, einschlägig bekannte Rückfalltäter, die kein von Amts wegen zugelassener Kopfgeldjäger mit der Kneifzange angefasst hätte, auf Kaution rauspaukte oder zinslos Geld an Mädels verlieh, die aussteigen wollten.
Genau genommen lebte Sonny den Ehrenkodex vor, den der Mob für sich in Anspruch nahm.
Aber zu viele Mädels stiegen mit Sonnys Geld in den nächsten Greyhound und verließen New Orleans, als dass ihn die Giacanos weiter gewähren lassen konnten. Seinerzeit ging Sonny außer Landes, nach Süden, wo er den Auftakt des großen Theaters, das die Reagan-Regierung in El Salvador und Guatemala veranstaltete, aus erster Hand miterlebte. Clete Purcel, mein alter Partner bei der Mordkommission im First District, hatte da unten mit ihm zu tun gehabt, als er seinerseits wegen Mordes auf der Flucht war, aber er wollte nie darüber reden, was sie dort getrieben hatten oder woher die seltsamen Gerüchte stammten, die über Sonny im Umlauf waren: dass