: Michael Eckert, Ralf Stroop
: Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) bei den Mobilen Rettern
: Books on Demand
: 9783752614336
: 1
: CHF 6.20
:
: Entspannung, Yoga, Meditation, Autogenes Training
: German
: 110
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Hilfsfristen des Rettungsdienstes sind in Deutschland regional sehr verschieden: Sie liegen bei ca. 8 - 17 Minuten. Bei vital bedrohlichen Notfällen, wie Bewusstlosigkeit und Herzstillstand, beginnt der Wettlauf gegen die Zeit und die Hilfe des Rettungsdienstes kommt dann zu spät, wenn die therapiefreie Zeit zu groß ist. Regelmäßig befinden sich medizinisch vorgebildete Personen (Ärzte, Rettungsdienstpersonal, Feuerwehrleute, Pflegepersonal u.a.) in unmittelbarer Nähe des Notfalls, die adäquate Hilfe leisten könnten, wenn sie denn nur von dem Notfallgeschehen Kenntnis hätten. Dieser Tatsache trägt das von Dr. Stroop entwickelte App-gestützte Alarmierungssystem der Mobilen Retter Rechnung (vgl. mobile-retter.de). In den o.g. Einsatzindikationen werden registrierte Mobile Retter, die sich in der Nähe befinden, geortet und durch die Leitstelle parallel zum Rettungsdienst alarmiert. Die durchschnittlichen Eintreffzeiten liegen in den aktiven Regionen bei ca. 4 ½ Minuten und damit deutlich unter denen des Rettungsdienstes. In solchen Einsätzen werden die ehrenamtlichen Mobilen Retter indikationsbedingt regelmäßig mit potentiell belastenden Situationen konfrontiert. Sehr früh wurde die Bedeutung einer psychosozialen Betreuung von Mobilen Rettern erkannt. Bereits unmittelbar nach der Einführung der App in der Pilotregion Gütersloh wurde ein psychosozialer Peer-Kontakt via Telefon etabliert, bei dem jeder Mobile Retter nach dem Einsatz kontaktiert wird. 2016 wurde ein umfangreiches Konzept für die PNSV schriftlich formuliert, das auch für die übrigen Regionen als Leitfaden dient. Das vorliegende Buch stellt eine Weiterentwicklung dieses Konzepts dar und skizziert die Psychosoziale Notfallversorgung bei den Mobilen Rettern. Ausgehend von einigen Begriffsklärungen werden mögliche belastende Situationen für Einsatzkräfte, Belastungssymptome sowie Schutzfaktoren und entlastende Maßnahmen vorgestellt. Daran anschließend wird das System der Einsatznachsorge der Mobilen Retter erläutert. Abschließend werden erste Auswertungsergebnisse der Einsatznachsorge dargestellt und Verbesserungsmöglichkeiten skizziert.

Michael Eckert ist Diplom-Theologe und Lehrer für die Fächer Katholische Religionslehre, Philosophie und Erziehungswissenschaft. Darüber hinaus hat er sich weiterqualifiziert zum Heilpraktiker für Psychotherapie, zum Personzentrierten Berater (GwG) sowie in den Bereichen Notfallseelsorge und Einsatznachsorge (CISM). Michael Eckert ist Mitglied eines schulischen Krisenteams und engagiert sich ehrenamtlich beim DRK sowohl im Bereich der PSNV als auch als Ausbilder in den Bereichen Erste-Hilfe und Sanitätsdienst. Seit 2014 hat er praktische Einsatzerfahrung als Mobiler Retter sammeln können und ist seit 2016 mit der Einsatznachsorge von Mobilen Rettern betraut.

2 Mobile Retter in Situationen psychosozialer Herausforderungen


In den nachfolgenden Kapiteln werden einige Grundlagen der PSNV entfaltet. Manche Passagen sind allgemein gehalten, insofern es dort um grundsätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse geht. Diese dienen dann dem Gesamtverständnis und/oder sie tragen dem Rechnung, dass der Mobile Retter zugleich auch noch anderweitig Einsatzkraft ist. Wo es als sinnvoll und notwendig erscheint, findet eine Konkretisierung auf die Mobilen Retter statt.

2.1 Belastungen durch den Umgang mit belasteten Angehörigen und weiteren Betroffenen


In seinem Einsatz trifft der Mobile Retter immer wieder auf Personen, die aufgrund der Notfallsituation akut belastet sind. Zu diesem Personenkreis gehören z.B. die unmittelbaren Angehörigen, Ersthelfer, Nachbarn, Zeugen, aber auch Einsatzkräfte. Belastungen können sich hier aus unterschiedlichen Situationen ergeben. Exemplarisch seien genannt

  • das plötzliche Ereignis selbst (z.B. der akute Herzstillstand),
  • die Hilflosigkeit,
  • die Schuldgefühle,
  • die Anwesenheit bei der befremdlich wirkenden Reanimation,
  • die Todesnachricht,
  • das Erleben von Trauerreaktionen usw..

Eine Steigerung der Belastung, die oftmals als Kontrollverlust erlebt wird, kann sich für die Angehörigen schnell nach einer erfolglosen Reanimation im häuslichen Kontext ergeben, sofern der Notarzt eine unklare Todesursache bescheinigen muss. Diese zieht nach sich, dass die Polizei hinzugezogen werden muss, die Wohnung quasi zu einem potentiellen Tatort und der Leichnam beschlagnahmt wird. Die Handlungsspielräume der Angehörigen werden dadurch extrem eingeschränkt – selbst die Abschiednahme vom Verstorbenen steht ihnen nicht ohne Weiteres zu. Die Situation in und vor der Wohnung wird mitunter als undurchschaubar und unangenehm beschrieben: Neben Mobilem Retter, NEF- und RTW16-Besatzung kommen nun mit der Polizei, der Kriminalpolizei und den Bestattern noch weitere unbekannte Personen in die Wohnung. Zudem wirkt das Zusammenkommen der unterschiedlichen Fahrzeuge der Personengruppen befremdlich – auch mit Blick auf die befürchtete Wirkung auf die Nachbarschaft: „Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn jetzt auch noch die Polizei vor der Tür steht?“ – so eine Angehörige.

In dieser Situation brauchen insbesondere Angehörige ein Unterstützungsangebot. Der Mobile Retter ist i.d.R. nicht adäquat ausgebildet in dem Bereich der PSNV-B und es gehört auch nicht zum Konzept der Mobilen Retter, dass diese Kriseninterventionsmaßnahmen übernehmen sollen. Dennoch hat sich herauskristallisiert, dass viele der ehrenamtlichen Helfer der Tätigkeit eines psychologischen Ersthelfers nachkommen und weitere Hilfe initiieren.17 So kann der Mobile Retter einerseits für die Aktivierung eines sozialen Netzwerks sorgen, indem er zusammen mit den Betroffenen Unterstützer aus deren Umfeld organisiert. Auch hier ist dem Aspekt der Selbst- und Fremdgefährdung Sorge zu tragen, denn wenn z.B. ein weiterer Angehöriger verständigt wird, muss sichergestellt sein, dass sich dieser nicht in einer gefährdenden Situation befindet (z.B. im PKW auf der Autobahn) und dieser selbst auch sicher zum Einsatzort kommen kann. Hier muss also vorausschauend gedacht werden.

Eine weitere Hilfeleistung kann in der Aktivierung der Fachkräfte aus dem Bereich PSNV-B bestehen (