: Silke Birgitta Gahleitner
: Professionelle Beziehungsgestaltung in der psychosozialen Arbeit und Beratung
: dgvt Verlag
: 9783871594175
: 2
: CHF 12.60
:
: Psychologie
: German
: 124
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Qualität psychosozialer Arbeit und Beratung ist eng an das Gelingen der helfenden Beziehung gebunden. Dennoch ist nach wie vor nicht geklärt, wie - im Detail - sich eine professionelle Beziehung gestaltet bzw. gestalten sollte. Vor allem wird diese Beziehung stets nur als Dyade gedacht. Der vorliegende Band legt seinen Schwerpunkt auf die theoretische wie praxisnahe Detailerarbeitung dieser zentralen Schlüsselqualität für die psychosoziale Arbeit und Beratung: auf eine professionelle Beziehungs- und Umfeldgestaltung - insbesondere für jene KlientInnen, die bereits mehrfach Vertrauensmissbrauch und Beziehungsabbrüche erlebt haben. Denn dabei zählt jeder einzelne Begegnungsmoment.

Silke Birgitta Gahleitner, Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin, Prof. Dr. phil. habil., Studium der Sozialen Arbeit, Promotion in Klinischer Psychologie, Habilitation in den Erziehungswissenschaften, langjährig in sozialtherapeutischen Einrichtungen für traumatisierte Frauen und Kinder sowie in eigener Praxis tätig. Seit 2006 lehrt und forscht sie an der Alice Salomon Hochschule Berlin und betreut dort den Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention. Lehr- und Forschungsgebiete sind: Psychosoziale Diagnostik und Intervention, Professionelle Beziehungsgestaltung, Psychosoziale Traumatologie und qualitative Forschungsmethoden.

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Psychosoziale Arbeit


Versteht man Beziehungskonstellationen, wie soeben angesprochen, als „dynamische Systeme“ (Krappmann, 1993, S. 40) mit dialektischem Bezug zur insbesondere soziokulturellen Ebene, so ist diese auch zu berücksichtigen. Wandlungs- und Veränderungsprozesse gab es immer: „In modernen und postmodernen Gesellschaften sind sie jedoch häufiger, schneller und radikaler geworden – und zwar auf (mikrosozialer) individueller, persönlicher, (mesosozialer) organisatorisch-institutioneller ebenso wie auf (makrosozialer) gesellschaftlich-kultureller Ebene“, stellen Weinhold und Nestmann (2012, S. 52) fest, „und sie beinhalten immer vielfältige Chancen, aber auch Risiken für die beteiligten und betroffenen Personen, Gruppen und Systeme“ (ebd.). Zum Verständnis hilft hier sich zur vergegenwärtigen, wie sehr sich der Alltag in modernen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten verändert hat (Beck, 1986).

2.1 Sozialisation heute


Während in der Vergangenheit stark vorgegebene Sozialisationsverläufe üblich waren, sind lineare Lebensverläufe – im Zuge kultureller Freisetzungsprozesse aus traditionellen Lebensformen – heute selten geworden. Dafür stellt unsere heutige Gesellschaft eine Reihe von Möglichkeiten für individuelle Lebensformen bereit, ohne jedoch „eine institutionell wirksame, sozial verlässliche Garantie für den Erfolg der biografischen Projekte zu übernehmen“ (Böhnisch, Lenz& Schröer, 2009, S. 18). Es gilt daher inzwischen als disziplinübergreifender Konsens, dass Identität von klein auf in einer lebenslangen „aktiven Auseinandersetzung mit der … Umwelt“ (Hurrelmann& Ulich, 1980, S. 7) erworben wird. Diese in den letzten Jahrzehnten fortgeschrittene Pluralisierung von Selbst- und Weltbildern und die Beschleunigung sozialer und kultureller Wandlungsprozesse erfordern von Heranwachsenden und Erwachsenen eine hohe Flexibilität (Sennett, 1998/2000).

Die zunehmende Entgrenzung eröffnet durchaus eine Reihe von Freiheiten zu aktiver Identitätsarbeit (Keupp, 2013c): „Während das Sozialisationsregime im Verlauf der Ersten Moderne durch die Spannung von Institution und personaler Autonomie bestimmt war, ist das Sozialisationsregime der Zweiten Moderne durch … die Chance und den Zwang zur Selbstorganisation charakterisiert“ (Böhnisch et al., 2009, S. 10). Wer mit einer guten Ressourcenausstattung schnell wechselnde Bedingungen flexibel zu nutzen weiß, sieht sich einem attraktiven Angebot an Lebenswegen und Gestaltungsmöglichkeiten gegenüber. Zugleich sind aber auch vielfältige Übergänge und Brüche dabei zu bewältigen (Gahleitner& Hahn, 2012). Resultat ist ein zunehmender Verlust sozialer Einbindung und kultureller Einbettung mit positiven wie negativen Konsequenzen für Entwicklungs-, Sozialisations- und Identitätsprozesse (Keupp, 2012).

Benachteiligte und beeinträchtigte Menschen geraten auf diese Weise nicht selten ins Abseits. Dazu gibt es inzwischen tragfähige epidemiologische Untersuchungen (WHO, 2001). Demnach nehmen soziale und gesundheitliche Probleme nicht etwa nur in ‚armen‘ Ländern zu, sondern insbesondere in Gesellschaften, die eine starke Ungleichheitsverteilung aufweisen (Wilkinson& Pickett, 2010). Das „abgehängte Prekariat“ (Keupp, 2010, S. 9) leidet unter der Exklusion nicht nur durch Armut, sondern diese geht mit gravierenden gesundheitlichen Risiken einher, denen das aktuelle Gesundheitssystem nicht gewachsen ist. Dies führt zur demografischen, kulturellen oder strukturellen Benachteiligung von KlientInnen, die multiproblembelastet sind und vom Versorgungssystem schlecht erfasst werden.