1
Wilhelmshaven, 22. August 2000:
Dichter weißer Qualm stieg in den blauen Morgenhimmel über dem Südwestkai. Die letzten Flammen verendeten in einem Schwall aus Wasser und Gischt. Nach vier Stunden war der Brand gelöscht, der die Feuerwehrmänner in Atem gehalten hatte. Es war fünf Uhr und bald würde auch abseits des Hafens, wo die Menschen in dieser Nacht keine Ruhe hatten finden können, die Stadt wieder zum Leben erwachen. Monika Sander warf ihrem Kollegen Dietmar einen erleichterten Blick zu und griff nach ihrer Schreibkladde, die sie auf die Motorhaube des Dienstwagens gelegt hatte.
»Hast du Kleinschmidt irgendwo gesehen?«, fragte sie und schlenderte gemächlich in Richtung der qualmenden Ruine.
»Wir werden entsetzlich stinken.« Dietmar Petermann zupfte ein Stück verkohlter Asche von seiner hellen Jacke.
Ein Feuerwehrmann in orangeroter Schutzjacke kam zielstrebig auf sie zu. Die Eins auf der Vorderseite seines Helms zeigte an, dass es sich um den Kommandanten handelte. Sein Gesicht war rußgeschwärzt.
»Sie können jetzt ran«, krächzte er. »Aber nicht zu nah, es ist stellenweise noch verdammt heiß.«
Monika umrundete die Feuerwehrwagen, stieg über die am Boden verlegten Schläuche und blieb schließlich bei einer Gruppe Feuerwehrmänner stehen. Dietmar folgte ihr und rümpfte die Nase. Nicht weit von den Männern entfernt lag ein schwarzes Tuch über den Boden ausgebreitet. Darunter waren die Konturen eines menschlichen Körpers zu erkennen.
»Monika!«
Sie wandte sich um und sah Martin Trevisan zusammen mit Till Schreier hinter dem Tanklöschwagen auftauchen. »Was ist hier passiert?«, fragte er atemlos.
Trevisan machte einen verschlafenen Eindruck. Sein Gesicht war zerknittert und die Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Er war erst vor zwei Tagen aus dem Urlaub zurückgekehrt. Ein Urlaub, den er sich redlich verdient hatte, nachdem er einem Serienmörder das Handwerk legen konnte. Und prompt lag schon der nächste Fall auf dem Schreibtisch.
»Ein toter Mann.« Monika Sander wies in Richtung der schwarzen Plastikplane. »Wahrscheinlich ein Landstreicher, der sich die alte Lagerhalle als Übernachtungsmöglichkeit ausgesucht hat. Ist kein schöner Anblick mehr.«
»Habt ihr seinen Namen?«
»Wir fanden einen angekohlten Rucksack, in dem Papiere steckten. Alles deutet darauf hin, dass es sich um Brandstiftung handelt. Wir warten noch auf Kleinschmidt.«
»Brandstiftung?«, murmelte Trevisan.
»Es sieht so aus, als ob der Feuerteufel wieder zugeschlagen hat«, antwortete Monika Sander. »Zumindest trägt der Brand seine Handschrift. Beck meint, das es jetzt unser Fall ist.«
Sie reichte Trevisan eine Plastiktüte aus ihrer Schreibkladde, in der ein Bogen Papier steckte.
Trevisan las den Spruch, der auf dem Bogen stand: »Der Unreine aber, auf dem sich alles Übel zeigt, soll verbrannt werden, denn es ist ein bösartiger Aussatz, den er trägt, als Zeichen seiner Ruchlosigkeit!«
»Das lag mit einem Stein beschwert auf dem Feldweg, der zum Gebäude führt. Feuerwehrmänner haben es gefunden.«
»Der Feuerteufel?«
»Der Feuerteufel vom Wangerland«, bestätigte Monika. »Das ist bereits Brand Nummer elf. Und immer lässt er ein Bibelzitat zurück. Das geht schon seit Juli so, aber in Griechenland hast du davon wohl nichts mitgekriegt.«
Kleinschmidt schob sich wortlos durch die kleine Gruppe der Feuerwehrleute und kniete neben dem Toten nieder. Er warf einen Blick unter die Leichendecke und schaute griesgrämig drein, als er sich wieder erhob. »Das gibt wieder mal eine ganz besondere Leichenidentifizierung«, murmelte er.
»Über die Fingerabdrücke müsste etwas zu machen sein«, erwiderte Monika Sander. »Wir haben einen Ausweis gefunden. Demnach heißt der Tote Jens Baschwitz und ist schon mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten. Seine Fingerabdrücke müssten gespeichert sein. Ein Wohnsitzloser, der sich mit Diebereien über Wasser hielt. Wahrscheinlich ein Zufallsopfer. Hat sich den falschen Platz zum Übernachten ausgesucht.«
Kleinschmidt füllte seine Pfeife mit Tabak. »Dann können wir