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Das Vibrieren meines Smartphones setzt ein, bevor die Musik erklingt. Punkt acht Uhr abends und kein Wochenende, daher ist es nicht notwendig aufs Display zu schauen, um zu wissen, wer anruft.
»Hallo Süße!«, begrüße ich meine Schwester heiter. »Na, alles klar bei dir?«
Wir telefonieren täglich, von Montag bis Donnerstag, immer zur gleichen Uhrzeit.
»Nein«, heult sie durchs Telefon, »nichts ist klar!«
»Oh! Was ist passiert?«
»Ach, nichts«, beruhigt sie mich schnell, dabei sehe ich Sara geradezu vor mir, wie sie abwehrend mit den Händen wedelt.
Ihr Anruf geht zur gewohnten Zeit bei mir ein, wodurch ein Notfall ausscheidet. Allerdings gehört Sara nicht zu den Menschen, die sich vorschnell wehleidigen Gefühlsduseleien oder Heulattacken hingeben. Daher muss eine Aussage wie ›nichts ist klar!‹ auch als solche verstanden werden. Also versuche ich ihre Stimmung erst einmal mit einer lustigen Bemerkung zu kippen.
»Los rede schon!«, fordere ich amüsiert. »Ein Wort und ich bin mit Warp-Geschwindigkeit bei dir!«
»Josi, bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich sage, dass ich Lukas seit Tagen … ähm … schütteln könnte?«
»Schütteln?« Ich schmunzle. Typisch Sara. Ich hätte das Wörtchen ›umbringen‹ ganz sicher ausgesprochen und nicht eilig gegen ›schütteln‹ ersetzt. »Da ich nicht davon ausgehe, dass du’s tust, glaube ich eher, dass es ab und zu normal ist.«
»Ab und zu?« Sara schnaubt entsetzt. »Josi, ich habe schon beim Aufstehen das Gefühl auf Tretminen zu sitzen. Er ist nur noch mies drauf und das Wort »Zuhören« wurde komplett aus seinem Wortschatz gestrichen – mit vier!«
Gut, das überzeugt mich. Wenn meine Schwester so reagiert, ist echt was im Busch.
»Mensch Sara«, hoffe ich sie zu beschwichtigen. »Normalerweise ist Lukas der bravste kleine Kerl, den ich kenne. Hast du nicht gesagt, solch eine stänkernde Tour kommt immer wieder vor?«
»Ja schon! Aber allmählich habe ich keine Nerven mehr, mir sein Motzen anzuhören. Und noch weniger, wenn ich feststelle, dass er mich dabei frech angrinst und mit den Gedanken bereits beim nächsten Unsinn ist.«
Hoppla! So sauer habe ich Sara schon lange nicht mehr erlebt.
»Meinst du, er könnte wegen Mamas Umzug so durcheinander sein?«, frage ich vorsichtig nach. »Oder wegen eurem Pendeln zwischen Garmisch und München? Vielleicht reagiert er deshalb so stur.«
»Stur ist gut!« Sara stöhnt. Ein gutes Zeichen. »Josi, wenn ich nicht wüsste, dass Dirk nicht sein leiblicher Vater ist, würde ich behaupten, das hat er von ihm geerbt.«
»Oh!«, entfährt es mir. Zum Glück sieht sie mein Grinsen nicht. »Was hat Dirk damit zu tun?«
»Nichts. Zumindest nicht direkt«, brummt sie nun sanfter. »Ich finde nur, dass er Lukas zu viel durchgehen lässt. Sobald wir unter der Woche zu Hause sind, macht Lukas einen auf Mann im Haus und hängt den Macho raus.«
Sie grinst! Das kann ich hören.
»Soso«, piepse ich und lache los. »Daher weht der Wind. Lukas ahmt Dirk nach, wenn er nicht da ist. Süße, jetzt hast du tatsächlich ein Problem!«
»Wie meist du das?«, erkundigt sich Sara überrascht.
»Ich denke, spätestens, wenn ihr endgültig nach München umzieht, werden deine Männer sich kurz über lang in die Haare kriegen. Oder was glaubst du, was passiert, wenn Lukas seinen Sturkopf an Dirk ausprobiert?«
Die Vorstellung, diese beiden beim Zanken zu erleben, ist einfach witzig. Davon abgesehen würde ich es gern miterleben, wie David, allein durch sein spitzbübisches Grinsen, gegen Goliath gewinnt.
Lukas ist 4 Jahre alt und momentan 1,05 Meter groß. Ein gescheiter, sonst superbraver Junge, der seinen ›Papa‹ Dirk – den Lebensgefährten meiner Schwester – seit ihrem ersten Aufeinandertreffen vor knapp 6 Monaten anhimmelt.
Dirk, noch 29 und 1,88 Meter groß, mit einer Figur und einem Aussehen, als sei er einem Modemagazin entsprungen, ist ein absoluter Kindernarr, der Lukas keine Bitte oder Dummheit abschlagen kann.
Darüber hinaus ist er ein erfolgreicher Unternehmer, dem niemand ein A für ein U vormacht – außer Lukas vielleicht! Und um es komplett zu machen ist Dirk mein Chef und der ältere Bruder oder besser Halbbruder, sowie Geschäftspartner meines Lebensgefährten Collin.
Sara hat eindeutig die gleichen Bilder im Kopf. Sie lacht unentwegt ins Telefon und kann sich kaum beruhigen.
»Vielen Dank Süße!«, japst sie, immer noch kichernd. »Jetzt fühle ich mich besser.«
»Keine Ursache! Bei meiner nächsten Mentalabfahrt komme ich gern auf dich zurück.«
»Ach Josi, beinahe hätte ich vergessen, weshalb ich anrufe! Könntest du am Wochenende nach Hause kommen, um mir beim Entrümpeln von Mamas alter Wohnung zu helfen? Sie möchte die restlichen Möbel entsorgen. Aber ich denke, wir sollten gemeinsam noch einen Blick darüber werfen, bevor alles wegkommt.«
»Geht klar! Ich wollte ohnehin kommen. Sonst hocke ich das ganze Wochenende allein im Haus. Mein Büro im Club ist Samstag und Sonntag tabu, Anweisung vom Chef«, raune ich theatralisch. »Ich fahre am Freitag nach der Arbeit los. Bis zwanzig Uhr dürfte ich bei euch sein.«
»Okay Josi, so machen wir es.« Saras begeisterte Stimmung kühlt hörbar ab. »Wo bist du eigentlich? Ich habe es zuerst im Haus probiert, dich zu erreichen. Erzähl mir bitte nicht, dass du um diese Uhrzeit noch arbeitest! Es reicht, wenn unsere Männer die vollendeten Workaholics sind.«
»Nein, ähm … ich bin in meiner Wohnung, in der Stadt«, gestehe ich kleinlaut. »Ich wollte nur rasch nach dem Rechten sehen. Bin eigentlich schon wieder weg!«
»Josi, du spinnst!«, motzt Sara los. »Die Sache mit Nomes ist noch nicht erledigt. Und so lange sollst du dich von der Wohnung fernhalten, wenn du allein bist, schon vergessen? Collin reißt dir den Kopf ab, wenn er das erfährt!«
»Dann verrate es ihm nicht, Süße«, entgegne ich und hoffe, gelassen zu klingen.
Im vergangenen Sommer wurde ich mehrfach belästigt. Mein Wagen wurde durch Vandalismus beschädigt und ich Opfer von Überfällen. Zum Schutz hatte Collin mich zu sich und Dirk ins Haus geholt. Die Täter wurden indessen gefasst. Doch solange die Angelegenheit vor Gericht noch läuft, musste ich Collin versprechen, die Wohnung nur noch in seiner Begleitung zu betreten. Für alles Weitere, wie meine Post, die Pflanzen und was sonst noch in einer verlassenen Wohnung zu beaufsichtigen ist, hat Collin jemanden beauftragt, der sich darum kümmert. Dennoch fehlt mir unsere kleine »Stadtwohnung«, wie wir sie immer nennen. Der Kauf meiner Eigentumswohnung liegt nun dreieinhalb Jahre zurück. Es war mein Grundstein, um von Garmisch-Partenkirchen nach München umzuziehen. Ich wollte Berufserfahrung in einer Großstadt sammeln und obendrein den kleinkarierten Ansichten meiner Mutter entfliehen. Wahrscheinlich wäre ich längst mit Sack und Pack wieder zu meiner innig geliebten Schwester zurückgekehrt, hätte da nicht zufällig Collin vor mir gestanden, was nun gut ein halbes Jahr her ist. Leider ist meine Beziehung zu ihm auch der Grund, weshalb ich immer wieder Opfer von Intrigen werde. Gewisse Leute versuchen ihn mental zu schwächen und derart von einigen Geschäften abzuhalten.
»Josi!«, faucht Sara überdeutlich. »Du verschwindest jetzt unverzüglich aus der Wohnung und fährst auf direktem Weg nach Hause! Wer soll dich aus der Scheiße holen, wenn jetzt etwas passiert, hm?« Sie schimpft zurecht. »Du weißt genau, dass Dirk und Collin nicht vor nächster Woche aus England zurück sind.«
»Ich geh ja gleich. Ich will nur ein paar Kleinigkeiten mitnehmen«, lüge ich hörbar schlecht.
»Gut, das glaube wer will, ich nicht!« Sara hätte es auch bemerkt, wenn ich nichts gesagt hätte. »Süße, du rufst mich in zwanzig Minuten vom Loft aus an. Damit ich weiß, dass du sicher nach Hause gekommen bist. Wenn nicht, verständige ich die Polizei. Und Collin erfährt das auch ohne mein Zutun. Da kannst du sicher sein!« Damit legt sie auf.
Ein paar Sekunden stehe ich noch reglos da, dann streift mein Blick ein letztes Mal durch die Wohnung. Anschließend begebe ich mich eilig zu meinem Wagen. Ich muss lediglich vom 3. Stock nach unten, dann 50 Meter die Straße entlang, bis zu meinem geparkten Mini. Trotzdem wird mir flau im Magen. Immer wieder sehe ich mich um. Es ist Anfang Dezember, dazu bereits stockfinster, was meine Angst nicht sonderlich lindert. Am Wagen angekommen steige ich sofort ein und fahre los. Sonst tue ich das nie! Wegen der vielen Beschädigungen in Form von...