Fest umklammerte die neunjährige Leni Zirner die Hand ihres drei Jahre älteren Bruders Jakob, während sie durch die langen Gänge des Waisenhauses derBarmherzigen Schwestern in Innsbruck eilten. Mutter Gabriele, die Heimleiterin, hatte sie in ihr Büro gerufen. Sie sollten ein neues Zuhause bekommen. Aber Leni wollte gar nicht zu fremden Leuten, sie wollte ihre Mama und ihren Papa wiederhaben.
Sie vermisste die Eltern schrecklich und weinte sich noch immer jede Nacht in den Schlaf, obwohl der Unfall schon viele Monate her war. Die Eltern waren nun im Himmel, hatte Jakob gesagt. Sie mussten froh sein, wenn sie überhaupt noch ein Zuhause fanden, nachdem es keine Verwandten gab, die die Kinder bei sich aufnehmen konnten.
Doch nun hatte sich plötzlich ein Cousin ihres Vaters gemeldet, der in St. Christoph im Zillertal einen Bauernhof bewirtschaftete. Er und seine Frau wollten sie zu sich holen.
»Meinst du, die Leute sind nett?«, fragte Leni bang und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.
Jakob zuckte die Schultern.
»Weiß net«, brummte er in der knappen Art, die zwölfjährigen Buben so eigen war. Als er die Angst in den Augen der kleinen Schwester sah, zwang er sich zu einem Lächeln. »Ich denke, wir werden es gut bei ihnen haben. Sie wollen uns bei sich aufnehmen, das zeigt doch, dass es liebe Menschen sind.«
So ganz war er nicht davon überzeugt. Warum hatte der Vater nie von dem Cousin gesprochen? Dabei hatte er sonst gern von seinen Verwandten erzählt, von denen viele im Ausland lebten oder selbst eine große Familie hatten, weshalb sie sich nicht noch zwei weitere Kinder aufhalsen konnten. Vonseiten der Mutter gab es keine Angehörigen mehr.
Jakob konnte noch immer nicht fassen, wie schnell ihr behütetes Leben wie ein Kartenhaus zusammengestürzt war, als der betrunkene Autofahrer den Wagen der Eltern rammte. Während der verantwortungslose Mann überlebt hatte, waren die Eltern nun Engerl.
Natürlich wusste Jakob, dass ihr Tod endgültig war und sie nicht wiederkommen würden. Aber es war tröstlicher, sich vorzustellen, dass sie in einer anderen Form des Daseins noch bei ihnen waren. Schon wegen Leni, die den Verlust der Eltern kaum überwinden konnte, musste er die Geister der Verstorbenen lebendig halten. Es war nun seine Aufgabe als großer Bruder, die Schwester zu beschützen und zu trösten, wenn der Kummer ihr kleines Herz bedrückte.
Dabei brauchte er selbst noch Trost, und bisweilen weinte er auch. Aber das durfte niemand wissen. »Ein Bub weint nicht«, trichterte ihnen Pater Leonhard, ihr Lehrer, immer ein. Doch manchmal war es leichter, sich den Kummer von der Seele zu weinen, als immer nur tapfer zu sein.
»Ich will keine neuen Eltern«, schniefte Leni unglücklich. »Ich will meine Mama und meinen Papa zurück.« Jetzt kullerten heiße Tränen über ihre Wangen.
Jakob blieb stehen und schloss die Schwester tröstend in die Arme.
»Wein net, Leni«, bat er leise. »Mama und Papa kommen net wieder. Aber sie sind trotzdem in unserer Nähe und passen auf uns auf. Wir können sie nur net mehr sehen. Aber manchmal … manchmal können wir sie noch spüren.«
Lenis Tränen versiegten. Hastig wischte sie mit dem Handrücken ihre Wangen trocken.
»Ich hab die Mama he