MARIA
Ich muss damals zwölf gewesen sein, oder dreizehn. Wir wohnen schon in dem Hochhausviertel. Die Tür meines Zimmers ist mit meinem Tisch und mit Stühlen verbarrikadiert, ich habe das gemacht. Einen Zimmerschlüssel besitze ich nicht, Maria hat ihn mir abgenommen.
Die Erinnerung beginnt mit einem Geräusch. Maria tritt die Tür auf, als wäre das gar nichts. Die Barrikade schiebt sie einfach weg. Sie war unglaublich stark.
Ich krieche unters Bett. Sie holt den Besen, mit dem Besen schlägt und stochert sie unter dem Bett nach mir. Dabei schreit sie: »Komm raus, Drecksau, verkriech dich nicht, du Stück Scheiße.« Die genauen Worte habe ich vergessen, es war etwas in dieser Art. Ich erinnere mich an den Staub unterm Bett. Ich kann ihn heute noch riechen. Maria achtete sehr auf Sauberkeit, deshalb habe ich mich gewundert. Aber ein bisschen Staub ist unter einem Bett natürlich immer da. Als Kind weiß man das nicht. Ich erinnere mich an Bettfedern, die an meinen Rücken drückten, und an den Besenstiel, der mich aber nur ein, zwei Mal voll trifft. Die meisten Stöße kann ich mit Händen und Füßen abfangen. Nach einer Weile wird sie ruhig und eisig. Sie sagt: »Komm raus, dir passiert nichts. Ich will nur mit dir reden.«
Ich wusste, dass man ihr, wenn sie in diesem Zustand war, nicht trauen konnte. Andererseits kann ich nicht ewig unter diesem Bett bleiben. Ich gehe ihr sowieso nicht durch die Lappen. Die Wohnungstür hat sie garantiert abgeschlossen und den Schlüssel versteckt.
Als ich hinausgekrochen bin, packt sie meine Haare und reißt den Kopf hin und her, ungefähr wie man eine Fahne schwenkt. Dann nimmt sie mir vorsichtig die Brille ab. Jetzt geht das Ohrfeigen los.
Maria hat mich nach meiner Erinnerung fast immer ins Gesicht geschlagen. Der Rest des Körpers hat sie nie interessiert. Sie schlägt, bis ihre Arme müde werden. Dabei schreit sie ununterbrochen, dass ich ihr Unglück bin, dass ich ihr Leben kaputt mache, dass ich undankbar bin, dass ich ins Internat komme, solche Sachen. Wenn ihre Arme eine Pause brauchen, drückt sie mich an die Wand und bringt ihr Gesicht ganz nah an meines. Da passt nur ein Stück Papier zwischen unsere Gesichter. Auge in Auge. Sie schreit, dass ich genauso bin wie mein Vater. Ein Stück Scheiße eben. Ein Feigling. Der Schlappschwanz des Jahrhunderts. Manchmal spuckt sie mich an, aus kurzer Distanz. Das macht mir mehr aus als die Schläge. Weil sie das mitbekommen hat, tut sie es ers