Kapitel 1
Janine – Juni 2019
Janine Reinhardt klopfte an die Bürotür ihres Onkels, nachdem seine Sekretärin ihr mit einem Nicken und einem verschmitzten Lächeln signalisiert hatte, dass die Gelegenheit günstig war. Denn auch die Nichte des Chefs durfte nicht einfach bei Moritz Reinhardt hereinplatzen.
Sie klopfte noch einmal energischer.
»Hat Ihr Onkel Sie nicht gehört? Warten Sie, ich melde Sie an.« Frau Froneck griff zum Telefon. »Herr Reinhardt, Ihre Nichte steht vor der Tür.«
»Ja, bitte!«, dröhnte gleich darauf die Bassstimme ihres Onkels.
Janine trat ein und riss überrascht die Augen auf. Der große Schreibtisch, der bisher das Zimmer dominiert hatte, war durch ein modernes Modell ersetzt worden, eine dünne Platte aus Ahornholz mit Metallbeinen, darunter zwei Rollcontainer aus dem gleichen Material.
»Guten Tag, Onkel Moritz.«
Allein durch seine Anwesenheit nahm er den Raum ein, sein charmantes Lächeln tat ein Übriges. Zudem besaß er einen guten Riecher für zukünftige Trends und hatte es geschafft, das Möbelhaus seiner Familie in ein florierendes Unternehmen zu verwandeln. Ein Geschäft mit exklusiver Designerware, die in München und Umgebung seit Jahren sehr gut angenommen wurde.
»Nini, wie schön!« Wenn sie allein waren, benutzte er Janines Kosenamen aus Kinderzeiten. »Gut getimt zwischen zwei Terminen.«
»Lass dich erst mal begrüßen.« Sie warf ihre Tasche auf einen der Besucherstühle, umrundete das Möbelstück und drückte ihrem Ersatzvater Küsschen links und rechts auf die Wangen.
»Kann ich dir was zu trinken anbieten? Wasser? Kaffee? Cappuccino? Espresso?«
»Nein danke. Ich habe schon literweise Kaffee in mich reingeschüttet. Aber ein Wasser nehme ich gerne.«
Flaschen standen auf dem Tisch. Ihr Onkel schenkte ein und schob ihr das Glas hin.
»Ein neuer Schreibtisch?« Obwohl er an der Quelle saß, hatte er die Einrichtung seines Büros noch nie ausgewechselt. Das hier war also eine Premiere.
»Ist das nicht ein wunderbares Stück? Etwas absolut Innovatives. Durchscheinendes Holz, ich hätte nicht gedacht, dass das machbar ist.« Liebevoll strich Moritz über die Tischplatte, die tatsächlich sehr schön gemasert war.Evernoor hieß die Marke. Philippe Evert belieferte nur einige wenige exklusive Geschäfte mit seiner Serie. Als eins von drei in Deutschland gehörte das ihres Onkels zu dem erlesenen Kreis.
Die Arbeiten dieses Designers waren vor drei Jahren ins Vertriebsprogramm aufgenommen worden und die neuen Modelle erst vor ein paar Tagen eingetroffen. Ihr Onkel strahlte sie stolz an und Janine wurde das Herz schwer. Zu wissen, dass sie solche Details nicht mehr auswendig zu lernen brauchte, hinterließ gemischte Gefühle in ihr. Sie war traurig, weil sie Moritz begreiflich machen musste, dass heute der Tag war, an dem seine Lieblingsnichte kündigte. Leicht fiel ihr der Schritt nicht. Nach dem Unfalltod ihrer Eltern hatte er sie in seinen Haushalt aufgenommen und sie behütet und versorgt wie seine eigenen Kinder.
Sie wollte sich nicht vorstellen, wie ihr Leben ohne Tante Mia und ihn verlaufen wäre. Zumal Moritz nach dem Tod ihres Vaters entsetzt feststellen musste, dass von der stattlichen Summe, die er seinem Bruder Thomas als Erbteil ausgezahlt hatte, wegen Fehlspekulationen kaum etwas übriggeblieben war. Den kümmerlichen Rest, zehntausend Mark, legte er mündelsicher für seine vierjährige Nichte an. Anlässlich ihres achtzehnten Geburtstags hatte Moritz ihr das Sparbuch überreicht, noch einmal so viel als Geschenk darauf eingezahlt und die Summe aufgerundet.
Wie sollte sie ihm erklären, dass sie Ende Juli, in vier Wochen, aus seinem Betrieb ausscheiden wollte und schon einen Flug gebucht hatte?
»Bist du zufrieden damit?« Sie strich über die Tischplatte. Eine Mischung aus Biokunststoffen und Holz, die dessen filigrane Zellstruktur fürs menschliche Auge freilegte, wenn sie das richtig verstande