: Kurt Theodor Oehler
: Der gruppendynamische Prozeß Ein Schlüssel zum besseren Verständnis sozialer Konflikte in Familie, Schule, Betrieb und Politik
: R.G. Fischer Verlag
: 9783830118541
: 1
: CHF 20.80
:
: Psychologie
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Welche bewußten und unbewußten Faktoren bestimmen unser Verhalten in kleinen und großen Gruppen? Welches sind die Ursachen für soziale Konflikte und für schwere Entwicklungsstörungen beim Menschen? Warum gibt es Religionen, und gibt es eine allgemeine Tendenz, die uns Antworten auf die Frage geben könnte, wohin sich kleine und große Gruppen entwickeln? Das Studium der Gruppendynamik bzw. die Reflektion des gruppendynamischen Prozesses setzt uns in die Lage, einige dieser Fragen und Phänomene besser zu verstehen. Zahlreiche gesellschaftliche Vorgän­ge erscheinen plötzlich in einem anderen Licht, erhellen einen anderen Sinn und lassen sich in einem neuen Zusammenhang interpretieren. Dabei wird das Thema Gruppendynamik, ausgehend von der Dar­stellung praktischer Beispiele aus Familie, Schule und Betrieb, im Ver­lauf des Textes mehr und mehr theoretisch vertieft.

Dr. rer.nat. Kurt Theodor Oehler wurde am 28.02.1942 in Aarau/Schweiz geboren. Er studierte in Aachen Metallurgie und in München Wirtschaftswissenschaften, wechselte aber nach den 68er-Unruhen das Fachgebiet und widmete sich fortan der Psychoanalyse, der Psychologie und der Pädagogik. Er promovierte über den Zusammenhang zwischen Medien­wirkung und Einstellungsände­run­gen und war zehn Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Prof. Dr. rer.nat. Rainer Fuchs an der TU München in der pädagogisch-psychologischen Ausbildung der Berufsschullehrer tätig. Nebenher bildete er sich bei Prof. Dr. med. Günter Ammon zum Psy­cho­thera­peuten, Psychoanalytiker, Gruppendynamiker und Gruppen­psycho­thera­peuten aus. Seit 1980 arbeitet Oehler als selbständiger Psycho­analytiker und Psychotherapeut in eigener Praxis in Bern/Schweiz. Hier lernte er weiter beim Psychoanalytiker Dr. phil. Gustav Hans Gra­ber, dem Pionier der pränatalen Psychologie, und bei der Be­gründerin der Themen­zentrierten Interaktion (TZI), Dr. h.c. Ruth C. Cohn.

1.6Die Gruppe im Spannungsfeld gesamtgesellschaftlicher Kräfte


Im folgenden Beispiel einer ostschweizerischen Sonderschule können wir diese Zusammenhänge deutlich sehen. Es handelt sich um eine große"Sonderschule" mit angeschlossenem Internat, und es wurde bemängelt, daß die Zusammenarbeit zwischen den Lehrern bzw. Lehrerinnen und den Erziehern bzw. Erzieherinnen mangelhaft und das Betriebsklima allgemein schlecht sei. Der Betriebsberater stellte folgende Ursachen für die Probleme fest:

Die Lehrer und Lehrerinnen dieser Schule nahmen zahlreiche Privilegien in Anspruch, genossen höheres Ansehen und erfreuten sich einer großzügigeren finanziellen Honorierung als die ErzieherInnen des Internats. Der soziale Status der LehrerInnen war zudem beträchtlich höher. Diesen Statusunterschied wollten die ErzieherInnen nicht mehr hinnehmen.

Während die Erziehungspersonen früher eher die Aufgabe von"LückenbüßerInnen","PausenfüllerInnen" oder von"Hüetimeitlis" bzw."Hüetibubis" innehatten, repräsentierten sie jetzt das Berufsbild qualifizierter SozialpädagogInnen, die während der unterrichtsfreien Zeit einen in der Schulbeschreibung klar definierten Erziehungsauftrag zu erfüllen hatten. Dieser Wandel in der Aufgabenstellung an die SozialpädagogInnen war die Folge eines allgemeinen gesellschaftspolitischen Wertewandels, in dem die erzieherischen, pflegerischen, sozialen bzw. therapeutischen Möglichkeiten neben den schulbezogenen Leistungskategorien aufgewertet wurden. In diesem Sinne waren es also großgruppendynamische bzw. gesellschaftliche Probleme, mit denen sich die LehrerInnen bzw. ErzieherInnen an der"Front" der Sonderschule konfrontiert sahen, denn ähnliche Auseinandersetzungen waren aus dem Gesundheitswesen (zwischen den ÄrztInnen und dem Pflegepersonal) und aus der Berufswelt (zwischen den AkademikerInnen und den MitarbeiterInnen mit praxisbezogener Berufslehre) bekannt.

Mit dem Aufdecken dieser Zusammenhänge zwischen dem externen gesellschaftlichen Wertewandel und der internen Gruppendynamik waren die Probleme dieser Sonderschule leider nicht gelöst. Es zeigte sich bald, daß die Konflikte zwischen den Berufsgruppen unterschwellig noch aus anderen Quellen genährt wurden:

In allen Konferenzen wurde eine auffällige Konfliktscheu beobachtet. Von zuoberst bis zuunterst in der Betriebshierarchie schien die Tendenz vorzuherrschen, die gefühlsmäßige Seite aller Interaktionsvorgänge abzuspalten und als s