2. Kapitel
Hans, der Träumer
»Leben! Das strahlen deine Bilder aus.
Leben und Sinn, ja, sogar Sinnlichkeit!«
Peter Meyer
An einem sonnigen Mittwochvormittag war es so weit. Silkes Kater Whiskey schlich ihr zuvor die ganze Zeit um die Beine, als ob er mit ihr gemeinsam aufgeregt wäre.
»Mensch, Tier, störe mich jetzt nicht! Ich muss perfekt aussehen, verstehst du? Und mach mich jetzt nur nicht mit Katzenhaaren voll!«
Rote Katzenhaare auf einer weißen Sommerjeans, welch ein Grauen. Whiskey schien zu verstehen. Beleidigt zog er sich in den Flur zurück und starrte sie aus der Ecke heraus an. Silke überprüfte ihr Make-up, puschte ihre vollen Haare immer wieder auf und stellte fest, dass sie wieder mal zugenommen hatte. Egal jetzt. Darum konnte sie sich später kümmern.
Endlich klingelte es. Sie ging betont langsam zur Tür. Whiskey schlängelte sich an ihren Hosenbeinen an ihr vorbei und während sie die Tür öffnete, sagte sie laut:
»Geh weg, du Doofer!«
»Was für eine zauberhafte Begrüßung!«, lächelte sie der Träumer an.
»Nein, nein, ich meinte Whiskey …«, stotterte Silke, peinlich berührt, auf den davonlaufenden Kater zeigend.
»Und was für ein zauberhafter Name für einen Kater!«, konterte er wieder. Das Eis war gebrochen. Silke lachte. Sie erinnerte sich an die Bemerkung des Nachbarn von gegenüber, als sie eines Abends ihr Tier ins Haus rufen wollte.
»Whiskey!? Whiskey!? Wo ist mein feiner Whiskey, ja, wo ist er denn?!«
Der Nachbar, der mit ein paar Freunden gegrillt hatte, schrie rüber:
»Bist wohl schon zum Alki mutiert, hä?«, und seine Gäste hatten sich schiefgelacht. Aber das wollte sie dem träumenden Hans vielleicht später erzählen. Sie hatten ja Zeit. Hoffentlich.
»Komm erst mal rein.« Mit einer einladenden Geste öffnete sie die Tür.
»Gern doch, sehr nett«, entgegnete er galant und trat ein. Während sie ihn in ihr Wohnzimmer führte, betrachtete sie ihn genauer. Er war einige Zentimeter größer als sie, auf jeden Fall über eins achtzig, und von sehr schlanker Gestalt. Das gefiel ihr. Wie bei vielen Männern dieses Alters musste er sich keine Mühe mehr beim Haarekämmen geben, denn da war nicht viel zu richten und wie sie an den wenigen Muzeln, die sich wie ein Kranz um seinen Kopf legten, erkennen konnte, war sein Haar rot. Was ihr aber besonders ins Auge fiel, war seine ausgesprochene Blässe, typisch für Rothaarige. Die Nickelbrille passte zu ihm. Während sie ihn musterte, betrachtete er ihr Wohnzimmer.
»Schön hast du es hier, wirklich sehr geschmackvoll«, lobte er und sah sich sehr genau um.
»Setz dich doch«, meinte sie. Jetzt wäre es angebracht, sich gemütlich zu unterhalten.
»Bitte sei nicht böse, lass mich noch einige Minuten stehen. Ich saß gerade eine Stunde im Auto«, bat er und betrachtete den Inhalt der Glasvitrine an ihrer antiken Kommode an.
»›Warum wir hemmungslos verblöden‹, ›Einigkeit und Recht und Doofheit‹ und ›Generation Doof‹ – ich habe es gewusst.« Er lächelte versonnen.
»Was hast du gewuss