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Noch nie war eine Transatlantik-Überquerung so problemlos, noch nie lauerten so wenige Tommies in den Gewässern vor der französischen Küste. Trotzdem war es natürlich ein wunderbares Gefühl, an Port-Louis vorbei den Blavet hinaufzufahren und in einem der U-Boot-Bunker von Lorient anzudocken. Mit seinen drei Meter dicken Mauern aus stahlverstärktem Zement war es ein Zufluchtsort, dem Bomben nichts anhaben konnten.
16 Stunden lang hatte sichU 69 über der gesunkenen Fähre unsichtbar gemacht. Einmal waren wir auf Sehrohrtiefe hochgekommen und hatten kurz die Lage gepeilt, waren aber ansonsten damit zufrieden, den Tag einfach auszusitzen. Wir konnten nicht wissen, wann die Bergung der Überlebenden abgeschlossen sein würde. Nicht auszuschließen, dass danach noch mehr kanadische Einheiten anrücken würden, um uns mit einem glücklichen Treffer den Garaus zu machen. Wir wollten erst jubeln, wenn wir über alle Berge waren.
Wir entkamen im Schutz der folgenden Nacht und waren überrascht, von niemandem behelligt zu werden. Das Begleitschiff war lange verschwunden – und bis auf ein schwaches Signal auf dem Metox, unserem Radarwarngerät, war von der kanadischen Marine weit und breit nichts zu sehen. Als das Signal lauter wurde, änderten wir einfach den Kurs. Mit unseren Ferngläsern schauten wir noch einmal auf das vom Mond beleuchtete Areal zurück, das in der Nacht zuvor Schauplatz eines brennenden Infernos gewesen war. Es passiert selten, dass wir den zweifelhaften Luxus einer zweiten Visite bekommen. Normalerweise gibt es nur einen Knall, Panik und die augenblickliche Flucht.
Hagemann zeigte ein breites Grinsen, was man wohlwollend als ein Lächeln bezeichnen konnte. Genau wie ich war er mit dem Ausgang hochzufrieden – auch wenn der Nervenkitzel der geschlagenen Schlacht längst abgeklungen war.
Die Konsequenzen waren natürlich noch immer die gleichen: Ein Kommandant, der seines Dienstgrades würdig ist, empfindet keine Genugtuung im Angesicht menschlicher Opfer. Ein feindliches Schiff auf den Boden des Meeres zu befördern – kein Problem. Wir befinden uns schließlich im Krieg.
Wir waren zwei Monate auf See gewesen. Die Mannschaft fieberte danach, endlich von Bord gehen zu können. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Der immer schlimmer werdende Gestank hat die Eigenschaft jede Begeisterung im Keim zu ersticken.
Seltsam, dass Neufundlands Küste mich noch immer in ihren Bann zog. Wenn ich mich für ein paar Minuten hinter meinen Vorhang zurückziehen konnte, griff ich zum Zeichenblock und brachte meine Erinnerungen zu Papier. Stand ich auf der Brücke, versuchte ich mir vorzustellen, wie das Land wohl hinter der majestätisch zerklüfteten Küste aussah – und wünschte mir heimlich, allein an Land gehen zu können.
„Genießen Sie die schöne Aussicht?“, fragte Hagemann.
Es war genug, um mich aus meinen magischen Träumen zu reißen.
Als wir an besagter Küste vorbeifuhren, luden wir unseren letzten Torpedo und hielten die Augen nach einem passenden Ziel offen. Am 20. Oktober 1942 raste er in den Eisenerz-FrachterRose Castle mit 7 800 BRT, ohn