: Hans-Dietrich Reckhaus
: Fliegen lassen Wie man radikal und konsequent neu wirtschaftet
: Murmann Publishers
: 9783867746649
: 1
: CHF 12.60
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 184
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Welchen Wert hat eine Fliege für dich? Und solltest du sie nicht besser retten, anstatt zu töten? Diese zwei Fragen haben die Welt von Hans-Dietrich Reckhaus vor acht Jahren brutal aus den Angeln gerissen. Mit seinem Biozid-Unternehmen stellte er Ameisenpulver, Ungezieferspray, Mottenpapier und Fliegenfänger her. Doch über den Wert von Insekten, hatte er sich nie Gedanken gemacht. Was folgte ist eine Transformation, die bis heute anhält: von einem Unternehmen, das Insekten bekämpft, zu einem Unternehmen, das Insekten rettet. Eine Geschichte, die zeigt, wie ein einzelnes Unternehmen eine ganze Branche revolutionieren kann. Und uns herausfordert, den Blick auf Wirtschaft und Natur radikal neu auszurichten. 'Wollen wir weiterhin möglichst viel Geld verdienen und damit etwas Gutes tun? Eine Stiftung gründen, spenden ... Oder wollen wir lieber gleich Sinnvolles auf die Beine stellen und damit unser Geld verdienen?'

Hans-Dietrich Reckhaus leitet in zweiter Generation ein mittelständisches Familienunternehmen, das seit mehr als 60 Jahren Insektenbekämpfungsmittel herstellt. Die Konfrontation mit den Künstlern Frank und Patrik Riklin war für ihn Auslöser, sein Geschäftsmodell vollständig in Frage zu stellen. Es folgte die Kunstaktion 'Fliegen retten in Deppendorf' mit großer medialer Resonanz und die Entwicklung von 'Insect Respect'. Das Gütesiegel zeichnet Produkte aus, die Verbraucher über den Wert von Insekten aufklären und den entstandenen Schaden durch den Aufbau insektenfreundlicher Lebensräume zumindest kompensieren. Anfangs ausgelacht, sind Produkte mit seinem Siegel heute bei den großen Händlern wie dm, Aldi und Rossmann zu finden. 2018 wurde Reckhaus in die Liste der TOP 100-Unternehmen aufgenommen, unter anderem ausgezeichnet mit dem European Responsible Care Award (2018) und dem Industriepreis 2017.

2011

Februar Unsere Freundin Agathe Nisple ist Kulturvermittlerin. Über sie haben meine Frau Julianne und ich schon vor einigen Jahren Frank und Patrik Riklin kennengelernt. Die beiden Schweizer Konzeptkünstler haben bereits 2008 eine unterirdische Zivilschutzanlage in einNull Stern Hotel verwandelt: Als Antithese zum Größen- und Luxuswahn kokettieren sie mit dem Sternesystem der Hotellerie, der Slogan: »Null Stern – the only star is you«. Hört sich spannend an. Gemeinsam mit unseren drei Kindern besuchen wir die Kunstinstallation in der Nähe von St. Gallen.

Als wir ankommen, stehen die eineiigen Zwillinge vor der Bunkeranlage und warten auf uns. Herzliche Begrüßung. Tour durch die Zimmer. »Eine Gemeinde gab uns den Auftrag, ihre ungebrauchte Bunkeranlage nutzbar zu machen«, erklärt Frank. »Das Ziel war, mit einfachsten Mitteln eine attraktive Übernachtungsmöglichkeit zu schaffen. Wir erhielten ein Honorar für die Idee und ein kleines Budget für die Realisierung. Schaut euch um: Betten, Nachttische, Lampen – alle Gegenstände stammen von den Dachböden der Einwohner.«

Patrik schaltet einen kleinen Monitor ein, um uns einen anderthalbminütigen Beitrag über ihre Kunstaktion zu zeigen. Verrückt. Nach nur wenigen Wochen gibt es Medienberichte in über 160 Ländern, darunter sogar ein längerer Bericht in den US-amerikanischen Fernsehnachrichten von CNN. Dazu die Nominierung für einen weltweiten Hotelpreis und Reservierungen für die nächsten drei Jahre!

AUS NICHTS
NEUES SCHAFFEN

Zu Hause reden wir viel über das erstaunliche Hotelerlebnis, schauen uns im Internet Filme über die Aktion an. Ein Satz der beiden bleibt hängen: »Kunst ist die Freiheit, aus nichts etwas Neues zu schaffen«. Ich muss an meine Fliegenscheibe denken. Wäre eine Kunstaktion von den beiden nicht auch für unser Produkt genau das Richtige? Mit einfachsten Mitteln und wenig Geld haben sie eine enorme Reichweite erzielt. Ich frage Julianne, als Kunsthistorikerin hat sie viel mehr Ahnung als ich. Ihre Antwort: »Auch wenn sich die Zusammenarbeit mit den Riklins für dein Produkt nicht so richtig auszahlen sollte, sie ist sicherlich für dich persönlich ein Gewinn! Die beiden werden dich auf neue Gedanken bringen!«

Mai Frank und Patrik öffnen mir die einfache, weiße Holztür desAtelier für Sonderaufgaben, wie sie ihr Unternehmen nennen. Es befindet sich auf der dritten Etage eines alten Lagerhauses aus gelben und roten Backsteinen im Zentrum von St. Gallen. Der circa 100 Quadratmeter große Raum scheint mit seinen nackten weißen, über drei Meter hohen Wänden, den verstaubten Heizkörpern, den großen Holzfenstern und dem alten blau gestrichenen Holzboden in den industriellen 1930er-Jahren stehen geblieben zu sein. Überall Gegenstände aus vergangenen Kunstaktionen: Plakate, Fotos, Kleberollen, Stative. Eine alte orangefarbene Kinobestuhlung, ein schwarzes Ledersofa sowie eine mit künstlichem Kuhfell bezogene Chaiselongue bieten Sitzmöglichkeiten. Gleichzeitig finden sich in diesem abstrakten Chaos auc