Kapitel 1
König für einen Tag
Im Juni 2010 stieg ich ins Flugzeug und trat eine Reise an, die länger dauern sollte als erwartet und mir, ohne dass ich es damals wusste, letztendlich den Weg bereiten würde, Wladimir Klitschko zu besiegen, einen der dominantesten Schwergewichtsweltmeister in der Geschichte des Boxsports. Außerdem war sie der Auftakt zu einer Entwicklung, die mein Leben auf schmerzhafte Weise aus der Bahn werfen sollte.
Zu diesem Zeitpunkt in meiner Karriere hatte ich bereits den ersten Profi-Gürtel in die Höhe recken dürfen – den Titel des englischen Schwergewichtsmeisters. Privat war ich das erste Mal Vater geworden, unsere Tochter Venezuela war jetzt ein Jahr alt. Die Dinge liefen also sowohl im Ring wie auch außerhalb davon recht gut; ich bestritt regelmäßig Kämpfe und machte mir langsam einen Namen, auch wenn meine persönlichen Dämonen sich nie allzu weit zurückzogen.
Ich war immer schon ein Mensch, der aus dem Instinkt heraus handelt. Wenn ich das Gefühl habe, etwas tun zu müssen, tue ich es. Also marschierte ich eines Tages ins Reisebüro und buchte einen Flug vom Flughafen Manchester aus. Das Ziel lautete Detroit, und der Mann, den ich dort treffen wollte, war der mittlerweile verstorbene, legendäre Boxtrainer Emanuel Steward – bekannt unter dem Spitznamen »Manny«. Die Liste seiner Schützlinge steht denen der größten Boxtrainer der letzten Jahrzehnte in nichts nach. Manny trainierte insgesamt 41 Weltmeister, darunter Ringlegenden wie Thomas Hearns, Lennox Lewis und der Mann, der immer mein erklärtes Ziel war: der lange Zeit unumstrittene Schwergewichtsweltmeister aus der Ukraine, Wladimir Klitschko.
Manny war ein guter Amateurboxer gewesen – mit 94 Siegen und nur drei Niederlagen sowie einem Golden-Gloves-Titel 1963 –, doch zu wahrem Ruhm gelangte er erst als Trainer im berühmten alten Kronk-Gym in Detroit. Er war schon längst eine Legende, als er über den großen Teich hinweg Interesse an mir zeigte und sich um ein Gespräch mit mir bemühte. Manny hatte meinen Vater John ein Jahr zuvor, 2009, angerufen und den Wunsch geäußert, ich möge nach Amerika kommen und mich mit ihm treffen, weil er glaubte, ich könnte der nächste Weltmeister im Schwergewicht werden.
Das war eine kühne Behauptung, und die Einladung war natürlich sehr verlockend, aber ich schlug sie aus, weil sie zum falschen Zeitpunkt kam. Meine Frau Paris war schwanger mit Venezuela, daher passte eine so große Veränderung gerade einfach nicht in unseren Plan, auch wenn ich mich geehrt fühlte und hocherfreut war, dass Manny Steward mich, einen 22 Jahre alten, ungeschlagenen, aber noch ungeschliffenen Profiboxer, kennenlernen wollte. Doch eines Tages dachte ich dann: Wenn ich nicht nach Detroit fliege und ihn treffe, bereue ich das für den Rest meines Lebens, also muss ich es irgendwie bewerkstelligen. Es ging schließlich nicht um irgendeinen alten Trainer, der mit mir zusammenarbeiten wollte, sondern um eine Legende unseres Sports. Also buchte ich den Flug, schnappte mir meine Tasche und erklärte Paris, dass ich auf dem Weg in die Staaten sei. So bin ich eben, ein impulsiver Typ.
Ich hatte versucht, Manny anzurufen, ebenso wie meinen Cousin Andy Lee aus Limerick, der dort im Gym trainierte. Doch ich hatte keinen von beiden erreicht. Manny war gerade sehr in seine Aufgabe als Fernsehkommentator für den amerikanischen Sender HBO eingespannt. Also stieg ich einfach in den Flieger, ohne auch nur eine