Als Hans-Gert Pöttering am 15. September 1945 zur Welt kam, hatte der Zweite Weltkrieg weite Teile Europas und anderer Kontinente schwer verwüstet hinterlassen. Er hatte Millionen von Menschenleben gefordert und unzählige europäische Städte zerstört und war Ursache für Flucht und Vertreibung vieler Millionen Menschen. Der Nationalsozialismus hatte nicht nur das größte humanitäre Verbrechen der Geschichte, den Mord an sechs Millionen europäischen Juden, zu verantworten, sondern hinterließ den gesamten Kontinent in Zerstörung und Aufruhr, sodass eine wirtschaftliche und politische Neuordnung Europas die Folge war. Nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945 folgte die Besatzungsherrschaft durch Großbritannien, Frankreich, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Sowjetunion. Die vormalige Reichshauptstadt Berlin wurde in vier Sektoren unterteilt. Die vier Hauptsiegermächte hatten beschlossen, Deutschland gemeinsam verwalten und regieren zu wollen. Derweil wurden die deutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße, nämlich Hinterpommern, Schlesien und Ostpreußen, dem durch die Rote Armee befreiten Polen als Kompensation für das ehemalige Ostpolen zugewiesen, das die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) sich einverleibte – genauso wie sie das nördliche Ostpreußen (Kaliningrader Oblast) annektierte. Das Sudetenland fiel an die Tschechoslowakei.1
Während im Westen des Kontinents parlamentarische bzw. konstitutionelle Demokratien nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft durch die westalliierten Armeen (wieder)entstehen konnten, gestattete die Sowjetunion, die ganz Ostmitteleuropa zuerst von Wehrmacht und NS-Schergen erobert und danach kommunistische Marionettenregime installiert hatte, diesen Nationalstaaten und Völkern hingegen nicht eine freie und souveräne Entscheidung über ihre wirtschaftliche und politische Zukunft. Ganz im Gegenteil: Die von der Sowjetarmee2 im weiteren Verlauf unterjochten Staaten mussten auf Geheiß des Diktators Josef Stalin3 mittelfristig das sowjetisch-kommunistische System übernehmen. Sie entwickelten sich zu Satellitenstaaten der UdSSR. Auf den totalitären Nationalsozialismus folgte der totalitäre Kommunismus in der Mitte und im Osten des Kontinents.
Hans-Gert Pöttering erblickte zu dieser Zeit das Licht der Welt im westlichen Teil des schon in Bälde durch einen »Eisernen Vorhang« (Winston Churchill)4 geteilten Europas. Er wurde am 15. September 1945 im norddeutschen Bersenbrück bei Osnabrück geboren, das in der damaligen britischen Besatzungszone lag. Zuvor hatte Bersenbrück während des Dritten Reichs zum NS-Gau Weser-Ems gehört.5 1231 hatte eine bischöfliche Urkunde die Gründung einer Abtei des weiblichen Zweiges des Zisterzienserordens in Bersenbrück erstmalig verzeichnet, das den Namen St. Marien trägt. Während der Zeit der Reformation (1517–1648) war das Zisterzienserinnen-Kloster mit der Theologie Martin Luthers und insbesondere seiner Schrift »De votis monasticis« (1521/22) in Berührung gekommen, was »zu einer Lockerung der Klausur und zu einem von weltlichen Einflüssen geprägten Leben geführt« hatte. Reformatorisches Gedankengut entfaltete sich. Im Zuge der Gegenreformation (Konzil von Trient 1545–1563) wurde das Kloster Bersenbrück seit 1614 jedoch wieder zu den katholischen Bräuchen zurückgebracht.6 Wie der Großraum Osnabrück ist auch Bersenbrück stark katholisch geprägt und gehört zum zwischen 780 und 800 gegründeten Bistum Osnabrück. Um das Stift Bersenbrück als geistig-kulturellen Fixpunkt herum war eine Stadt entstanden, die sie im rechtlichen Sinne aber erst im Jahre 1956 wurde. Zum Zeitpunkt der Geburt ihres späteren Ehrenbürgers im Jahre 1945 zählte Bersenbrück zwischen 2000 und 3000 Einwohner. Noch um 1800 hatten dort nur 90 Personen gelebt, während das in der Nähe liegende Dorf Ankum bereits 1063 Einwohner zählte. Obgleich Bersenbrück erst nach dem Krieg Stadt wurde, war es bereits seit 1885 Namensgeber für den gleichnamigen Landkreis, der im Zuge der späteren Gebietsreform von 1972 im Landkreis Osnabrück aufging.7
Politisch betrachtet, wurde Hans-Gert Pöttering am 1. November 1946 im Alter von knapp 14 Monaten Niedersachse mit der Gründung des gleichnamigen Landes auf Teilen des Gebietes der britischen Besatzungszone Deutschlands. Es war infolge der Verordnung Nr. 46 der britischen Besatzungsmacht vom 23. August 1946, das die »Auflösung der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen in der Britischen Zon