: Hans Herbst
: Zwischen den Zeilen Stories
: Pendragon Verlag
: 9783865322968
: 1
: CHF 8.90
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hans Herbst ist ein großartiger Erzähler: neue Geschichten von unterwegs!Diese Kurzgeschichten bergen intensive Lese-Erfahrungen, und zwar 'Zwischen den Zeilen'. Hans Herbst liefert seinen Lesern großartige Geschichten voller Menschlichkeit, erzählt mit lakonischer Weisheit. Der weit gereiste Weltenbummler kombiniert Exotisches und Alltägliches gekonnt zu glaubwürdigen Geschichten und Figuren. Die Stories sind jede auf ihre Weise eine Hommage an das Leben und die Menschen.Gegensätze, vor allem kulturelle, destillieren in zwischenmenschlichen Situationen zu klaren, ehrlichen Perspektiven auf unterschiedliche Lebensentwürfe. So geht eine Frau afrikanischer Herkunft gestärkt aus einer brenzligen Situation mit Skinheads hervor, weil sie durch die Bedrohung ihre kulturellen Wurzeln und ihre Identität wieder fühlen kann.Wer Herbsts Bücher schon kennt, trifft die Figur Krebs auch in 'Zwischen den Zeilen' wieder. Und die, die ihn nicht kennen, werden den ewig Reisenden nun endlich kennen lernen.

Hans Herbst wurde 1942 in St. Pauli geboren. Nach einer Lehre als Autoschlosser reiste er durch Europa, später nach Mexiko, Nordamerika, Brasilien und in die Karibik. Erste Texte entstanden 1979. Herbst hat zahlreiche Stories, Reportagen und Romane veröffentlicht. Heute lebt er als Autor und Musiker in Hamburg.

Fünf Stationen

Sie hatte diesen großen, schlanken Mann vom ersten Moment an geliebt, und jetzt, wo er ihr gegenüber saß, liebte sie ihn noch mehr. Weil sie ihn zum ersten Mal lächeln sah.

Sie kannten sich seit einer viertel Stunde, eine Zufallsbekanntschaft, die verlegen vorgetragene Frage nach einer U-Bahnverbindung und die Feststellung, dass man ein Stück zusammen fahren könne.

»Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.«

Und jetzt saß er ihr gegenüber, und sie wäre überall mit ihm hingefahren. Anfangs war er sehr still gewesen, aber sie hatte ihn einiges gefragt, und er musste antworten, und sie unterhielten sich in einer Mischung aus Französisch, Englisch und Deutsch, und das machte ihn lachen.

»C’est comique, wie wir sprechen, eine Mixture.«

»Yeah«, sagte sie, »it’s funny, aber das ist allright, ich verstehe uns sehr gut.«

Ein paar Leute sahen zu ihnen herüber, sie bemerkte es und schätzte schnell die Blicke ab, aber da war nichts, das ihr besonders auffiel. Alles ganz normale Leute, die von der Arbeit nach Hause fuhren. Nur ein junger Mann, der einen Gitarrenkoffer trug, starrte sie an, und als sie den Blick zurückgab, wurde er rot und drehte den Kopf weg.

Sie sah wieder in die Augen des Mannes ihr gegenüber und hörte seine tiefe, weiche Stimme, die aus Wörtern Melodien machte. Sie dachte daran, dass sie in spätestens zehn Minuten ihre Haltestelle erreichen würde. Der Mann müsste noch ein paar Stationen weiterfahren. Was mach’ ich, dachte sie, was um Himmels willen soll ich tun? Ich kann ihm nicht einfach meine Telefonnummer geben oder nach der seinen fragen, er ist nicht der Typ für diese Art, schätze ich, und vielleicht würde er mich für ein billiges Flittchen halten, das Männerbekanntschaften sucht. Meine Güte, was mach’ ich nur?

Der Mann bewegte seine langfingerigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen, wie große Schmetterlinge, dachte die Frau, und ganz entfernt hörte sie das Geräusch der Räder auf den Schienen.

Der Zug hielt und Leute stiegen ein und aus, einige waren in Eile, ein paar junge Burschen in Lederjacken lachten eine Spur zu laut, und es war wie immer. Der Mann sah an ihr vorbei in das Abteil, ein schneller, gleitender Blick aus halbgeschlossenen Lidern, aber er sprach dabei weiter, bewegte seine Hände, lächelte, und dann waren seine Augen wieder bei ihr, und es schien, als hätte nichts seine Rede unterbrochen. Sie tat, als bemerkte sie diesen schnellen Blick nicht, den sie deuten konnte, ohne sich besonders anzustrengen, und ihr Lächeln sah ganz natürlich aus.

Eine große, junge Blonde, die wie eine Schwedin aussah mit ihren hellen Augen, setzte sich neben sie und bemühte sich sehr, den Mann nicht anzustarren, aber ganz gelang es ihr nicht. Die Frau fühlte einen kleinen, dumpfen Stich in der Herzgegend.

Der Mann sprach jetzt von Paris, seine Stadt, wie er sagte, er liebte sie und würde irgendwann dorthin zurückkehren. Dann nimm mich mit, dachte sie, ich werde mich sehr bemühen, Paris genauso zu lieben wie du. Sie sah, wie sein Geaufbau sicht sich veränderte, als er von seinem Stadtviertel sprach, von den Freunden, den kleinen Theatern und den Musikclubs, von denen es hier so wenige gab, und wie sehr er sie vermisste. Ein kleines Leuchten