Der Zeitzeuge
Ich musste es Karl versprechen: Die Geschichte von Robert Silcher wird in keiner Illustrierten erscheinen – keine neue Titelseite mit dem brennendenHindenburg, keine Serie„Die Katastrophe von Lakehurst. Wie es wirklich war.“ Es mag albern klingen, aber ich gab ihm tatsächlich die Hand darauf.
Als wäre ich noch der kleine Junge, der seinem Vater versprach, die Geschichte aufzuschreiben; an seiner Stelle, irgendwann, in das stockfleckige Heft, das er sein Tagebuch genannt hat. Ich frage mich, wer mit diesem unentwegten Versprechen-Müssen und Versprechen-Wollen eigentlich anfängt – die Erwachsenen oder die Kinder.
Ein Versprechen ist jedenfalls eingelöst: Ich habe die Geschichte meines Großvaters geschrieben. Und es ist gleichgültig, ob es stimmt, was Karl mir bei unserem letzten Treffen über Robert sagte. Ich kann es nicht mehr nachprüfen.
Karl ist ein alter Mann. Er dachte, wir würden uns nicht wiedersehen. Nur deshalb bot er mir beim Abschied noch das Du an. Es war ihm immer schwerer gefallen, seinen Mittagsschlaf zu unterbrechen; und der Mittagsschlaf war immer länger geworden. Zuletzt hatte er morgens nach dem Aufstehen angefangen. Ich habe jede Tageszeit ausprobiert – Karl hatte immer gerade geschlafen, wenn ich kam. Er öffnete langsam die Tür, nur einen Spalt weit, um den Kopf herauszustrecken; den kleinen Kopf mit den stoppeligen Haaren, kurzrasiert auf zwei Millimeter, um sich das Waschen zu erleichtern. Verschlafen blinzelte er mich an. Bald werde er endgültig durchschlafen müssen, sagte er beim Abschied und lachte.
Meistens hatten wir uns am Wochenende getroffen. Wir saßen in der überheizten Stube, tranken Kaffee, aßen Brezeln, die er mit Butter bestrich und in seine Tasse tunkte, um sie überhaupt kauen zu können. Sein Leben ging durch meine Hände: Kitschpostkarten, Urkunden, Zeugnisse, Andenken aus seiner Zeit als Zeppeliner – Dinge, für die er inzwischen keine Namen mehr hatte; die er mir wortlos über den Tisch reichte, als gingen sie ihn nichts an. Einen Fetzen von der Hülle desGraf Zeppelin sah er genauso verwundert an wie ich. Er drehte den spröden, splittrigen Stoff in seiner Hand und schüttelte den Kopf. Das Material war für ihn so lange Zeit selbstverständlich gewesen, dass es ihm jetzt wie ein überzähliges Puzzleteil erscheinen musste. Für einen Moment wusste er wohl nicht, wohin damit.
„Baumwolle. Mit Zellon fünfmal überstrichen. Da war Aluminiumpulver drin, damit das Gas nicht so heiß wird durch die Sonne. Deshalb hat’s Schiff so silbrig geglänzt. Von dem Anstrich hab’ ich Ausschlag bekommen; lauter kleine rote Punkte, die haben gejuckt wie verrückt. Den andern hat’s nichts ausgemacht.“
Sich zu erinnern machte ihn mürrisch. Ich könnte alles fürs