: Mechtild Borrmann
: Wer das Schweigen bricht
: Pendragon Verlag
: 9783865322630
: 1
: CHF 7.10
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
August 1939: Sechs junge Menschen geben sich das Versprechen, füreinander da zu sein. Während der Nazi-Zeit wird ihre Freundschaft auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Denn Verrat wird mit dem Tod bestraft. Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt Robert Lubisch im Nachlass seines Vaters, einem Industriemagnaten der Nachkriegszeit, das Foto einer attraktiven Frau und einen Wehrpass, ausgestellt auf einen ihm unbekannten Mann. Was hat das alles mit seinem Vater zu tun? Robert macht sich auf die Suche und stößt dabei auf eine Journalistin, die sofort eine große Story ahnt und bereit ist, dafür auch den Ruf seines Vaters zu opfern. Doch noch bevor sie Robert etwas mitteilen kann, wird sie grausam ermordet. Robert ist entsetzt. Welche alten Wunden hat er mit seinen Nachforschungen wieder aufgerissen.

Mechtild Borrmann wurde 1960 geboren und lebt heute in Bielefeld. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie am Niederrhein. Sie arbeitete u. a. als Tanz- und Theaterpädagogin, in der Drogenberatung und lebte auch mal eine Zeit lang auf Korsika. Im Pendragon Verlag erschienen die Romane »Morgen ist der Tag nach gestern« 2007 und »Mitten in der Stadt« 2009. Für »Wer das Schweigen bricht« wurde Mechtild Borrmann 2012 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. »Wer das Schweigen bricht« erschien als Übersetzungen in den USA, Frankreich, Italien, Japan, Dänemark und demnächst in der Türkei.

Kapitel 3


20. April 1998


Der Frühling hatte nach einem milden Winter nicht lange auf sich warten lassen, und in den letzten Tagen war das Thermometer auf sommerliche 25 Grad gestiegen. Am Niederrhein zeigten sich die Wiesen in sattem Grün, übersät vom Gelb des Löwenzahns, und dazwischen hielt Wiesenschaumkraut an langen Stielen kleine rosafarbene Blüten hoch. Die Höfe und Dörfer wirkten wie willkürlich und mit großer Hand in die Ebene gestreut, Häusergruppen, die in der flachen Weite kauerten.

Robert Lubisch war zu einem Kongress an der Raboud Universität in Nimwegen eingeladen und nutzte die Gelegenheit, sich in Kranenburg nach dem Fotoatelier Heuer zu erkundigen.

Gegen Mittag erreichte er den Ort. Ein Kreisverkehr und dann eine Straße wie ein breiter Schnitt, an dem sich die Häuser aus dunkelroten Backsteinen zu beiden Seiten wie Schaulustige in die erste Reihe drängten. Kleine Geschäfte und Ladenlokale unter spitzen Dächern. Es waren nur wenige Menschen unterwegs.

Er stellte den Wagen in einer der Parkbuchten am Straßenrand ab und betrat ein Lokal mit blütenweißen Stores vor den Fenstern. Auf den Tischen standen, auf gestärkten cremefarbenen Tischdecken, kleine Porzellanvasen mit bunten Plastiksträußchen, die man mit einem Staubwedel frisch halten konnte. Eine Schiefertafel neben der Theke pries in geschwungener Schrift Spargelgerichte an. Es war noch früh, das Restaurant menschenleer.

Eine rundliche Frau stand hinter der Theke, öffnete mit einem Steakmesser Briefe und ließ die leeren Umschläge achtlos in den Papierkorb zu ihren Füßen fallen. Ihr gegenüber saß ein älterer Mann vor einem halbvollen Glas Bier und rauchte filterlose Zigaretten. Als Robert Lubisch sich an den Tresen stellte, sahen die beiden ihn erwartungsvoll an. Er grüßte.

„Essen“, sagte die Frau, „gibt es erst in einer Stunde. Um zwölf.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Essen wollte ich nicht, vielen Dank.“

Er bestellte Espresso und zog das Porträtfoto aus der Tasche seines Leinenjacketts.

„Ich wollte Sie fragen“, begann er umständlich, „ob Sie mir vielleicht weiterhelfen können?“

Er legte das Foto mit der Rückseite nach oben auf den Tresen und wies auf den Stempel. „Ich suche diese Adresse. Fotoatelier Heuer.“ Er lächelte verlegen: „Vielleicht gibt es das heute gar nicht mehr, aber …“

Die Frau, wahrscheinlich die Wirtin, unterbrach ihn. „Heuer, ja Mensch, der ist doch schon mindestens zwanzig Jahre nicht mehr.“ Der Mann beugte sich über die Fotorückseite und nickte zustimmend. „Mindestens!“, pflichtete er bei, drehte sich auf seinem Hocker um und wies in eine unbestimmte Richtung. „Der war doch da am Eck, wo jetzt der Linnen sein Versicherungsbüro hat.“

„Richtig.“ Die Frau schenkte der Post jetzt keine Beachtung mehr. „Aber vor Linnen war ja noch die Wiebke Steiner mit den Kindermoden da drin.“ Sie verschränkte die Arme und musterte Lubisch misstrauisch. „Warum wollen Sie das denn wissen?“

Er zögerte, hatte für e