: Hans Herbst
: Stille und Tod Stories 4
: Pendragon Verlag
: 9783865322944
: 1
: CHF 8.90
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Hans Herbst ist ein großer Erzähler. Seine Geschichten nehmen den Leser mit auf eine Reise. Seine Beschreibungen sind so lebendig, dass man meint, den heißen Wüstenwind auf der Haut zu spüren. Beim fünften Band der auf sieben Bände angelegten Hans Herbst-Edition verfasste kein Geringerer als der mehrfach ausgezeichnete Krimi-Autor Friedrich Ani das Nachwort:'In diesen Geschichten gehören eine SIG Sauer und eine Walther PPK zum Leben eines Mannes wie der Trompetensound von Miles Davis, und es spielt keine Rolle, ob der Gegner ein Staatsanwalt, der Chef einer Abbruchfirma, ein alter Nazi oder man selbst ist. Es geht um Konsequenz und Stolz, um die Wahrheit und die Hoffnung, welche, wie es in der Geschichte ,Lisas Annonce' heißt, von Freiberuflern erfunden wurde. Das ist eine zutreffende Bezeichnung für die Getriebenen und Spurenverwischer im Kosmos des ,Herrn Herbst', wie er respektvoll genannt wurde, als er in München noch eine Weinhandlung betrieb und Gäste wie Jörg Fauser bewirtete, der als Schriftsteller, Trinker und Weltenbewohner in derselben Liga wie Hans Herbst spielte und für alle Zeiten spielen wird. Auftragsmenschen sind es, von denen Herr Herbst so unvergleichlich erzählt, Leute, die von der Hand in den Mund leben und ihre Faust in die Fresse der Lüge schlagen, weil sie sonst ersticken.'FRIEDRICH ANI

Hans Herbst wurde 1942 in St. Pauli geboren. Nach einer Lehre als Autoschlosser reiste er durch Europa, später nach Mexiko, Nordamerika, Brasilien und in die Karibik. Erste Texte entstanden 1979. Herbst hat zahlreiche Stories, Reportagen und Romane veröffentlicht. Heute lebt er als Autor und Musiker in Hamburg.

Fernandez und sein Plan

»Ich brauche eine Waffe«, sagte der Spanier. Er war ein sehr alter Spanier mit tiefen Falten in dem dunklen Gesicht.

»Wozu?«, fragte ich.

Er nahm einen Zug von seiner Selbstgedrehten und blickte an mir vorbei.

Wir standen vor der »Monaco Bar«, in der immer kleine Künstler, kleine Diebe und selbsternannte Existenzialisten herumsaßen und sich von den Amerikanern die Drinks zahlen ließen. Die Amerikaner hatten dann die Bohème kennengelernt und waren glücklich.

»Was geht es dich an?«, fragte der Spanier, und seine alten braunen Augen mit den dunklen Tränensäcken darunter kehrten zu mir zurück.

»Nichts. Was möchten Sie haben?«

Er machte eine knappe Bewegung mit der Hand, die die Zigarette hielt, und ich sah die braunen Altersflecken auf dem Handrücken.

»Etwas Großes, möglichst groß, ich verstehe nichts von Waffen.«

Sein Französisch klang härter als gewöhnlich, ähnlich wie das der Araber.

»Etwas Großes«, sagte ich, »ist schwer zu verstauen, Sie werden einen Fünfundvierziger nicht einfach so in die Tasche stecken können.«

»Lass das meine Sorge sein.«

Er nahm wieder einen tiefen Zug, kappte mit Daumen und Zeigefinger die Glut von der Zigarette und steckte den Rest in die aufgesetzte Brusttasche seines Jacketts hinter das weiße Ziertuch.

»So ein großes Ding ist teuer«, sagte ich.

Er hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.

»Que va. Kannst du es machen?«

Das ist eine gute Frage, dachte ich und dachte noch ein wenig weiter.

»Sie wissen, dass ich es machen kann, sonst hätten Sie mich nicht gefragt. Dabei haben Sie mich gar nicht gefragt, Sie haben nur gesagt, ich brauche eine Waffe. Aber vielleicht will ich es nicht machen.«

Seine grauen Augenbrauen hoben sich und etwas geschah mit seinen Augen, und ich brauchte einen Moment, um es zu deuten. Ferne Angst war in seinen Augen.

»Warum?«, fragte er rau.

»Darf ich offen sprechen?«

»Sprich wie immer, dann ist es schon in Ordnung.«

»Es könnte Sie verletzen.«

Er lächelte flüchtig.

»Mich verletzt nicht mehr allzu viel.«

»Sie sind ein alter Mann, Monsieur Fernandez. Was macht ein alter Mann mit einer großen Knarre? Eine alte Rechnung?«

Er senkte langsam den Kopf und zupfte an seinem rechten Ohrläppchen herum, und vor der »Monaco Bar«, die nur ein von der Zeit aufgebrauchtes kleines Bistro war, saßen die Künstler, die Diebe und die Amerikaner, und es war ein warmer Sommerabend, und ich war jung, und Paris war meine Stadt. Niemand achtete auf mich und einen alten Spanier in einem altmodischen Anzug, der sauber gebügelt war. Ich wusste, dass er ihn selbst bügelte.

»Ja«, sagte er wie von weit her und sah mich wieder an, »eine alte Rechnung. Eine sehr alte Rechnung.«

Dagegen war nichts einzuwenden, gewisse Rechnungen sollten beglichen werden, und wenn man es einmal nicht macht, bleibt ein hohles, ödes Gefühl zurück, mit dem man nicht gut leben kann. Ich kannte mich aus damit. Fernandez wollte noch etwas in Ordnung bringen, bevor der Feierabend eingeläutet wurde, und vielleicht hatte er sich lange damit geplagt und sich gesagt, mach’s endlich, du feiger Hund, du hast nicht mehr viel Zeit, und wenn du es nicht bald machst, stirbt auch noch der Rest von Mann in dir, den sie bis jetzt nicht kaputt gekriegt haben. Spanier sind sehr eigen, was ihre Ehre betrifft. Ich würde ihm eine Neunmillimeter Automatik besorgen, ein gutes Kaliber, und sie ist flach genug, dass man sie bequem im Hosenbund verstauen kann. Und ich würde ihm zeigen müssen, wie das Ding funktioniert, er versteht nichts von Waffen, hatte er gesagt. Munition war in