Auf der Straße hakte sich Karin bei mir ein. Wir liefen auf der schwarzen Seite bis zu den Feldern und spazierten auf der grünen Seite zurück. In den Wohnungen brannten die Weihnachtsbäume. Wir waren allein, Karin und ich, niemand begegnete uns, nur Borgmann trat aus seinem Haus, als wir vorbeigingen. Frohe Weihnachten, rief er. Wir blieben stehen, er kam zu uns auf den Bürgersteig.
Auch bisschen die Beine vertreten? Das tut gut. Jaja, nach einem guten Essen muss man Bewegung haben. Auch Ente gehabt? Unsere war zart und doch festes Fleisch. Meine Frau kauft immer polnische oder ungarische, die Viecher dort wachsen noch in freier Wildbahn auf, die werden nicht so gemästet wie unsere, damit sie schnell Gewicht kriegen.
Frau Borgmann, die wenig später ebenfalls aus dem Haus kam, fragte mich: Ist Ihre Frau zu Hause?
Ich nickte und sagte: Wo soll sie sonst sein an so einem Tag.
Ich komme heute Abend vielleicht noch mit Frau Beuster vorbei, wir haben was für sie gekauft, hoffentlich freut sie sich darüber.
Borgmann sagte: Und das Töchterchen ist wieder chic, der Hosenanzug steht Ihnen aber wie angegossen … Weihnachtsgeschenk? … Na, bei der Figur, da kann man alles tragen.
Seine Frau sagte noch, bevor wir weitergingen: Sagen Sie doch bitte Ihrer Frau, falls wir es heute nicht mehr schaffen vorbeizukommen, dann soll sie morgen Nachmittag zum Kaffee kommen.
Ich hatte einmal heimlich auf Borgmanns rechten Handrücken gesehen, aber das Straßenlicht reichte nicht aus, eine Narbe zu entdecken.
Als wir einige Schritte gegangen waren, Borgmanns spazierten in entgegengesetzter Richtung, lachte Karin vor sich hin. Ist was?, fragte ich.
Weißt du, Vater, ich finde den Mann immer komisch. Musst mal genau hinsehen, wie der sich bewegt, wie ein Hahn auf dem Mist. Der Mann geht nicht, der stolziert.
Wir standen ein paar Minuten an der Straßenbahnhaltestelle. Es fuhr keine Bahn, es war kalt geworden, es fuhr kein Auto, die Luft roch nach Schnee. Wir froren.
Als ich die Korridortüre aufschloss, kam mir Angelika entgegengelaufen und flüsterte mir zu: Im Wohnzimmer sitzt eine Frau, sie will dich sprechen.
Eine Frau? Mich? Am Heiligen Abend?
Im Sessel vor dem Christbaum saß die Schindler.
Karin zog meine Frau aus dem Wohnzimmer. Ich war so überrascht vom Besuch der Schindler, dass ich vergaß, sie zu begrüßen.
Ist was los?, fragte ich.
In mir kroch diese erbärmliche Angst wieder hoch.
Die Schindler weinte.
Ich wartete, bis sie sich beruhigt hatte, und es dauerte einige Zeit, bis sie halbwegs sprechen konnte.
Er war da, sagte sie.
Wer war da?
Der Chef … der Faber, und noch zwei andere waren dabei, die ich noch nie gesehen habe. Faber hat einfach zu mir gesagt: Fräulein Schindler, Sie haben dem Maiwald die Akten gegeben. So direkt hat er es gesagt. Und dann: Sie werden entlassen. So direkt hat er mir das ins Gesicht gesagt.
Während sie sprach, wurde mir klar, dass ihre Nachforschungen zwangsläufig bei der Schindler hatten beginnen müssen und nicht bei mir. Ich hatte nur an mich gedacht und nicht an sie, ich hatte nur mich in Gefahr geglaubt, aber nicht sie. Wie haben Sie sich verhalten, was haben Sie gesagt?, fragte ich.
Was? Natürlich tat ich empört, was denn sonst. Ich tat gekränkt,