»Das ist recht so, Herr Lippert. Als verantwortungsvoller Vater muss man sich um das Wohlergehen seiner Kinder kümmern, damit man weiß, wo sie eines Tages landen. Viel Glück.«
Ich trat auf die Straße, um endlich an beiden vorbeizukommen, aber Lippert hielt mich fest. »Sagen Sie mal, Herr Koch, warum hat Ihre Zeitung eigentlich bis heute nichts darüber berichtet, dass unsere alte Hauptschule ab November als Auffanglager für polnische Aussiedler missbraucht wird, der Stadtrat hat doch längst zugestimmt, da waren sich mal wieder alle Parteien einig. Na, bald sind ja wieder Wahlen, dann wählen wir die Partei, die für die Sperrung unserer Ostgrenzen ist.«
»Den Polacken werden wir noch einheizen«, warf Karlchen ein und grinste so breit, dass seine Ohren Besuch bekamen.
Einem wie Karlchen traute ich alles zu, er gehörte zu den Typen, die alles ausführen, was man ihnen anschafft, Hauptsache, es gibt Zoff und man kann sich später damit brüsten; diese Typen treten am liebsten auf alle, die schon am Boden liegen. Karlchen wäre bei den Nazis ein strammer SA-Mann geworden.
»Herr Koch, gucken Sie doch nicht so ungläubig. Sie als Zeitungsmann wissen doch längst von diesem Ratsbeschluss.«
Ich zuckte nur die Schultern: »Auch ein Zeitungsmensch weiß nicht alles, was hier in der Stadt vorgeht, auch ein Zeitungsmensch erfährt manches erst aus der Zeitung.«
»Das nimmt Ihnen doch keiner ab. Wir hier in unserem Viertel sind alle hinters Licht geführt worden. Na, da können wir uns auf etwas gefasst machen, wenn dieses Pack bei uns einfällt. Das war schon vor dem Ersten Weltkrieg so, aber da kamen sie wenigstens einzeln und nicht in Massen.«
»Wir werden ihnen schon einheizen, Papa«, feixte Karlchen. »Komm, Papa, lass uns fahren, Herr Koch kapiert ja doch nichts. Der wird sich noch wundern. Wenn die sich erst mal hier eingenistet haben, ist er auch nicht mehr Herr in seinem eigenen Haus.«
Während sie endlich gingen, hörte ich Karlchen noch sagen: »Eines sage ich dir, Papa, wenn mir die auf meiner neuen Lehrstelle dumm kommen, dann fange ich gar nicht erst an.« Und Lippert bekräftigte: »Recht so, mein Junge, immer gleich die Zähne zeigen, dann kuschen sie.«
Betroffen von Karlchens Aggressivität lief ich die Merkurstraße hinunter zur Brunnenstraße, bis zur Fußgängerampel, die dort ziemlich überflüssig war. Ich spürte, dass einige Nachbarn hinter mir hersahen. Obwohl weit und breit kein Auto fuhr, drückte ich auf den Knopf der Ampel. Während ich wartete, musste ich an den peinlichen Artikel denken, der vor zwei Tagen in unserer Zeitung gestanden hatte, geschrieben von einem im Grunde vernünftigen Kollegen, dem ich am allerwenigsten soviel Speichelleckerei zugetraut hätte. Der Artikel war eine Hymne auf die polnischen Aussiedler, sein Tenor: Ihr Fleiß und ihre Genügsamkeit würden die sinkende Arbeitsmoral der faul gewordenen deutschen Arbeiter wieder aufmöbeln. Das war sogar für unsere Zeitung zu klebrig, auf dieses Brot war zu viel Honig geschmiert worden; Neuhoff, der den Artikel vor Drucklegung garantiert gelesen hatte, hätte erkennen müssen, dass eine so überzogene Lobhudelei bei vielen Lesern das Gegenteil von Verständnis für die Aussiedler auslösen musste. Aber unser Blatt hatte sich nun mal so sehr auf eine positive Berichterstattung über polnische Aussiedler festgelegt, dass fast alle Redakteure im Zoo das Maß des Möglichen verloren.
Was diese Heuchelei so absurd machte und die Prinzipien eines vernünftigen Journalismus auf den Kopf stellte, war die Tatsache, dass kein Redaktionsmitglied hinter diesem verordneten Engage