Der Rabenpascha und seine Geschenke
Jung war die Frau nicht mehr, hatte aber einen Sohn, einen Glatzkopf schon in jungen Jahren. Jeden Morgen brachte sie ihn in die Schule, er haute aber ab, sobald sie weg war, oder er stritt sich mit den anderen Kindern, oder war frech zum Lehrer. Eines Tages, als ihm unterwegs langweilig war, fing er ein Dutzend Vögel und brachte sie nach Hause. Seine Mutter rupfte und briet sie. Darüber vergaß sie sogar, ihn auszuschimpfen, weil er aus der Schule gelaufen war. Das fand der Glatzkopf gut und fing ab da jeden Tag dreißig Vögel, und seine Mutter war zufrieden.
Eines Tages fing er einen Raben, aber der sagte zu ihm: »Lass mich fliegen, ich mach dich reich!« – »Du?«, sagte der Glatzkopf. »Ein Rabe, der sich selber nicht helfen kann?« – »Stell mich auf die Probe!«, sagte der Rabe. »Du hast von meinem zähen Fleisch eh nicht viel.« – »Da hast du Recht«, sagte der Glatzkopf. »Ich lass dich frei. Aber wer bürgt mir dafür, dass du dein Wort hältst? Wo find ich dich hernach?« – »Siehst du den Berg dort? Dahinter wohn ich. Frag nach mir, und man führt dich zu mir.« – »Gut!«, sagte der Glatzkopf und ließ den Raben frei. Der flog krächzend davon.
Die Mutter schalt den Glatzkopf an diesem Tag, denn er war nicht zur Schule gegangen, hatte aber auch keine Vögel mitgebracht. Stattdessen erzählte er von dem Raben, und die Mutter sagte: »Dann gehst du morgen da hin!«
Also stand der Glatzkopf am andern Morgen auf und wollte sich auf den Weg machen. »Gib mir zwei Groschen!«, sagte er zu seiner Mutter. »He, hör mal! Woher soll ich zwei Groschen nehmen? Wir haben ja kaum noch was zu essen«, sagte sie. – »Leih sie mir! Wenn ich zurückkomme von dem Raben, kriegst du sie wieder – und mehr! Komm ich mit leeren Händen zurück, geh ich arbeiten und verdiene die zwei Groschen und geb sie dir.« Sie gab ihm also das Geld, und er stapfte los.
Am Fuß des Berges traf er auf einen Hirten, der hütete da seine Schafe. Der Glatzkopf sagte: »Schalom!« Und: »Schalom!«, antwortete der Hirte. »Wo ist denn das Haus des Raben?«, fragte der Glatzkopf. – »Geh da übern Berg, und unten in der Ebene wohnt der Rabenpascha. Aber sei bloß vorsichtig! Der hat nämlich zwei bissige Hunde, die keinen in die Nähe lassen. Sogar die Vögel haben Angst vor denen.« – »Verkauf mir doch, bitte, ein Schaf aus deiner Herde!«, sagte der Glatzkopf und kaufte eins für zwei Groschen. Das schnitt er mitten durch, nahm in jede Hand eine Hälfte und ging über den Berg.
Er war schon fast bei dem Haus des Rabenpaschas in der Ebene, da rannten zwei riesengroße Hunde zähnefletschend auf ihn zu, die knurrten, bellten und geiferten schon von weitem. Schnell warf er jedem eine Schafshälfte hin. Da stürzten sie sich drauf, und der Glatzkopf ging zum Haus. »Hallo! Ist das das Haus des Rabenpaschas?« Die Frau des Raben kam heraus. »Ja, das ist es. Komm bitte!« Und sie brachte den Gast herein. »