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Wie jedes Mal blieb Brenke auch heute vor demCafé Einstein Stammhaus stehen und betrachtete die beiden Stolpersteine vor dem Eingang des Restaurants. Er war Stammgast in dieser Gastronomie, seit er Abgeordneter des Bundestages war. Das Essen war ausgezeichnet, der Service ebenfalls, und im Obergeschoss gab es eine gnadenlos gute Bar.
Vor einigen Jahren war er, nachdem er das Restaurant längere Zeit nicht mehr besucht hatte, über zwei Metallquader gestolpert, die nur ein paar Millimeter aus dem Boden herausragten. Brenke wusste natürlich, was es mit den metallenen Pflastersteinen ganz generell auf sich hatte, doch seit dem Moment, in dem sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatten, konnte er sie beim Betreten der Gaststätte nicht ignorieren und einfach über sie hinweggehen. Also beschloss er herauszufinden, warum die Steine des Anstoßes ausgerechnet an dieser Stelle eingelassen worden waren.
Google hatte ihm verraten, dass die im Stile der italienischen Renaissance erbaute Villa dem jüdischen Privatbankier Georg Blumenfeld und seiner Ehefrau Margarete Lucia gehört hatte, bevor das Paar 1939 aufgrund der nationalsozialistischen Rassengesetze enteignet wurde. Georg Blumenfeld nahm sich das Leben, und auch seine Ehefrau beging 1941 „als letzten Akt der Selbstbehauptung“ Selbstmord.
Nachdem Brenke durch diese kleinen Metallsteine auf die traurige Geschichte der ehemaligen Besitzer aufmerksam geworden war, hatte er lange überlegt, ob es sich ziemte, nach der Tragik, die den Blumenbergs widerfahren war, weiterhin den Freuden des Lebens in deren ehemaliger Wohnstätte zu frönen. Brenke hatte sich dazu entschieden, es zu tun. Und jedes Mal, wenn er insCafé Einstein kam, trank er den ersten Whisky nach dem Essen in der BarLebensstern in stillem Gedenken an die beiden Blumenfelds und schwor ihnen, alles dafür zu tun, dass diese braune Brut in Deutschland niemals mehr das Sagen bekommen würde. Erst dann wich die Ernsthaftigkeit des Moments der Leichtigkeit, die Brenke seit vielen Jahren für sich in Anspruch nahm. Anderen Menschen wäre seine Angewohnheit vielleicht seltsam vorgekommen, doch außer ihm kannte niemand sein kleines Ritual. Für ihn war es eine passende Umgehensweise mit der tragischen Geschichte der Blumenfelds, die ihm half, sein Leben auf seine Weise weiterzuführen.
Als Brenke damals als junger Abgeordneter nach Berlin gekommen war, hatte er sich für seine Freizeit Orte gesucht, wo er selten oder nie seine Abgeordnetenkollegen aus dem Bundestag traf. Es war ihm natürlich nicht gelungen, doch er hatte sich alle Mühe gegeben. Von demCafé Einstein Stammhaus in der Kurfürstenstraße hatte er gelesen, dass es sich um eine Künstlerkneipe handele. Und da er viele seiner Abgeordnetenkollegen für Banausen hielt, für die Kunst nur dann eine Rolle spielte, wenn ein paar Fotografen und Journalisten in der Nähe waren, hatte Brenke gedacht, in einer Künstlerkneipe würde er den Politikern des Bundestages nicht begegnen. Wie man sich doch irren konnte. Dennoch hatte er das Restaurant mit der wunderbaren Bar in sein Repertoire von besuchenswerten Kneipen aufgenommen.
Heute jedoch war Brenke im Auftrag der Kanzlerin unterwegs, die ihn gegen seinen Willen in den Verteidigungsausschuss geschoben hatte. Seit einigen Monaten musste er sich nun in der Arbeitsgruppe „Weiterentwicklung Bundeswehr“ gemeinsam mit einem Haufen Militaristen und Lobbyisten den Hintern plattsitzen. An diesem Abend hatten die Männer des einfl