EDVARD
Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas in dem Raum hatte sich verändert. Edvard stand im Türrahmen und blickte in das Zimmer seiner Mutter. Der Bettgalgen ragte ihm entgegen, der Raum schien an seiner Triangel aufgehängt. Wie ein Gemälde, das seit Jahren seinen festen Platz im Haus hat. Ungezählte Male hatte er es gesehen. Im Morgenlicht, wenn er ihr den durchsichtigen Kaffee brachte. Im Mittagsschatten, wenn er auf dem Teller das Fleisch zerdrückte. In der Abendsonne, wenn er kleine Brotwürfel schnitt. Im Lampenschein las er ihr aus den Illustrierten von der Welt vor, weil sie nicht schlafen konnte. Und in der Dunkelheit hatte er ihre Hand gehalten, damit sie nicht alleine in die wirren Träume hatte gehen müssen.
Jetzt war sie nicht mehr da.
Aber sie war es nicht, die fehlte. Es lag nicht an dem kahlen Bett oder der jetzt leeren Vase auf der Kommode. Etwas anderes hatte sich verändert, doch Edvard konnte nicht sagen, was es war. Er hielt sein Erinnerungsbild dagegen –Original und Fälschung – wie in den Rätselheften seiner Mutter. Als sie noch gelebt hatte und es ihr besser gegangen war, hatte sie oft unten am Küchentisch gesessen. Er hatte ihr über die Schulter gesehen, während er das Geschirr abtrocknete, hatte gestaunt, wie schnell sie auf dem gefälschten Bild die Kringel machte. Mit dem Kugelschreiber um den fehlenden Schornstein auf dem Dach, um die kleine Lücke in der Krone eines Baumes.
Er erkannte die Unterschiede nicht. Als ob er automatisch ergänzte, was in der Fälschung fehlte und sie so zum Original machte. Vielleicht nahm er aber auch dem Original die Stellen weg und machte es so zur Fälschung. Wie lange war das her? Ein trockener Laubhaufen Zeit, längst im Hof verbrannt.
Edvard trat über die Schwelle, zwei Schritte waren es zum Bett. Vielleicht, wenn er ihre Perspektive hätte, wenn er sähe, was sie gesehen hatte, vielleicht könnte er dann die Veränderung entdecken. Er setzte sich an den Rand der Matratze. Er sah den Himmel im Fenster, die Bücherrücken und das Schmuckkästchen im Regal. Daneben an der Wand – der vergessene Kalender, der keine Monate mehr zählte, dort nur noch wegen der Motive hing. Bilder von Horizonten, vom Fluss und den Schafen auf dem Elbdeich direkt hinter dem Haus.
Für seine Mutter war das alles unerreichbar geworden, für seine Mutter hatte es nur noch diese vier Wände gegeben und die Erinnerung. Und mit einem Mal wusste Edvard, was da nicht stimmte. Er sah den dünnen Rand auf der Tapete, den Nagel, den er selbst eingeschlagen hatte, aber wo das Familienfoto gehangen hatte, war nur noch ein leeres Rechteck. Als wären die verblassten Bonbonfarben in das Tapetenmuster eingesickert und verschwunden, als wäre der Rahmen zu Staub geworden, weil er nichts mehr zu halten hatte. Die Runde um den Tisch im Hof. Seine Mutter, der Vater und er selbst, zehn Jahre alt, an seinem Geburtstag. Das letzte Foto der Familie. Edvard hatte es für sie umgehängt, von unten im Flur in ihr Zimmer, dem Bett gegenüber, damit sie es immer vor Augen hatte. Bis zum Schluss.
Warum hatte sie es abgehängt? Und wie? Sie hatte sich nicht mehr auf ihren dünnen Beinen halten können. Und sie hätte bestimmt auch nicht die Pflegerin darum gebeten. »Warum