1
Der Unterschlupf
Irgendwo in der Schweiz,
wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs
Wenn er versucht aufzuschreiben, was damals geschehen ist, beginnt er mit einem Namen. Marlene. Die Zunge bewegt sich im Mund, wenn er das Wort ausspricht. Mar – le – ne.
Bei keinem Schreibentwurf ist es anders. Er kannte sie nicht, als er 1939 in die deutsche Hölle zurückkehrte. Es dauerte Jahre, bis er zum ersten Mal ihre Stimme hörte. Sie klang durch eine geschlossene Tür im Auswärtigen Amt in Berlin, hell, beschwingt. Sie konnte lachen. Aber zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte wurden die Gefahren um ihn herum schon unübersehbar groß. Er hat Marlene aus all dem heraushalten wollen. Er hat es nicht geschafft. Auch wenn sie erst später von ihm eingeweiht wurde, fängt er an zu schreiben – weil es muss, es muss – fängt er an, ist sie es, mit der die Geschichte eröffnet wird. Lüge, Hakenkreuze, Betrug, Verstellung, Tod und Liebe. Er hat Angst vor großen Worten: Liebe und Krieg, Anstand in barbarischen Zeiten. Große Worte hat er in Hitlers Auswärtigem Amt genug gehört. Er hadert immer wieder. Es war Krieg, es war Liebe. Er hat versucht, anständig zu sein. Und dann? Was dann?
Er sieht aus dem tief in die Holzwände eingelassenen Hüttenfenster in das grüne Tal hinaus. An welchem Hang die Hütte liegt, welcher Fluss sich unten bleisilbern und rauschend durch die Wiesen schlängelt, das ist ganz gleich, das soll niemand wissen.
Er geht in die Küche und füllt Kaffee aus der Thermoskanne in eine Tasse. Ein Schluck frische Milch, ein Löffel Zucker, er rührt um und sieht aus dem Fenster den Hang hinab durch das Tal. Neben dem Fluss verläuft eine feste Schotterpiste, nicht weit entfernt führt sie über eine kleine Brücke, deren Bretter poltern, wenn man sie mit dem Auto überquert.
Seit er sich in der Hütte versteckt, sieht er oft aus dem Küchenfenster zur Straße hinab. Er weiß nicht, ob sie nicht doch noch einmal kommen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Das Auto, das heute herfahren wird, soll einen Journalisten bringen. Fritz’ Freund und Vertrauter Eugen Sacher hat monatelang mit dem Mann geredet und ihm immer wieder davon berichtet. Der Mann sei seriös und recherchiere schon lange, was damals geschehen sei. Du kannst ihm vertrauen, hat Sacher gesagt. Der will das Gleiche wie du, Fritz: Gerechtigkeit. Endlich.
Da gibt es noch mehr, hat Fritz gesagt.
Eugen Sacher versuchte nach kurzem Zögern, die dunklen Flecken in Fritz’ Geschichte anzusprechen, aber Fritz war ausgewichen, wie immer, und gratulierte ihm zu seinem neuen Anzug, chic wie eh und je.
Eugen Sacher ist der Einzige, der Dinge von Fritz weiß, die d