: Max von der Grün
: Flächenbrand
: Pendragon Verlag
: 9783865321749
: 1
: CHF 8.90
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 470
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Lothar Steingruber ist arbeitslos. Trotz intensiver Bemühungen gelingt es ihm nicht, in seinem alten Beruf als Maurer Fuß zu fassen. Deshalb nimmt er auch das Angebot des windigen Fuhrunternehmers Balke an, mit seinem Wagen Kisten zu transportieren. Eines Tages entdecken er und sein Freund Frank den brisanten Inhalt: Waffen. Steingruber kündigt, um als Friedhofsgärtner zu arbeiten. Gerade an diesem vermeintlich friedvollen Ort entdeckt er eines Nachts eine Gruppe junger Leute, die auf dem Friedhof Waffen verstecken. Sie gehören alle der neuerstarkten rechten Szene an. Dagegen muss er etwas unternehmen! Wäre da nicht seine Tochter Claudia, die er in der bewussten Nacht auf dem Friedhof gesehen hat. Die schwierige Entscheidung zwischen Moral und Vaterliebe macht ihm das Leben zur Hölle. Wie soll er sich verhalten?'Nichts als gegeben hinnehmen', war einmal Max von der Grüns Antwort auf die Frage nach seinem Motto. Mit seinem literarischen Schaffen mischte sich von der Grün ein. Ob es um Korruption oder Rechtsradikalismus ging, Max von der Grün war ein unbequemer Zeitgenosse, der unangenehme Fragen stellte - und dabei den Kern des Problems traf.'Flächenbrand' wurde mit Horst Frank und Manfred Krug verfilmt. Insgesamt lieferte Max von der Grün Vorlagen für elf Fernsehfilme. Damit zählt der 'Revier-Goethe' (Der Spiegel) zu den am häufigsten verfilmten deutschen Autoren.

Von der Grün, selbst von 1951 bis 1964 im Bergbau tätig, verarbeitet in seinen Werken auch eigene Erfahrungen. Er wurde1926 in Bayreuth geboren, absolvierte eine kaufmännische Lehre, war Soldat und drei Jahre in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Er lebte bis zu seinem Tod 2005 als freier Schriftsteller in Dortmund.

2

Man kommt auf die blödsinnigsten Gedanken, wenn man ohne Arbeit herumläuft, zu Hause sitzt und grübelt. Warum haben andere Arbeit und ich nicht?

Manche fahren zwei Mal im Jahr in Urlaub an die schönsten Flecken dieser Erde, dabei wohnen sie hier in Villen, mit nicht einsehbaren Gärten und beschäftigen einen Steuerberater, der ihnen verrät, wie man die Urlaubsreise als Geschäftsreise absetzt. Man kommt ins Grübeln, wenn die Frau am Monatsletzten ihr selbst verdientes Geld zum Leben einbringt, wenn sie am Morgen aus dem Haus geht und am Abend erschöpft heimkommt und trotzdem fröhlich fragt: Na, wie war’s. Hast den Tag gut rumgekriegt?

Wer bin ich, dass ich zu Hause sitzen muss und warten, ein Mann Mitte Vierzig, wer bin ich, dass mich keiner mehr haben will, weil so viele Junge es billiger und williger machen. Wer bin ich. Ist meine Erfahrung und meine Zuverlässigkeit nicht mehr gefragt, ist nur noch Jugend Trumpf. Gehöre ich schon zur ausgepowerten Generation, die sich alles gefallen ließ, gehorsam war bis zum Rausschmiss. Überstunden klopfte, wenn es verlangt wurde und sich dann nach Hause schicken ließ, wenn es verlangt wurde. Wer bin ich.

Frank hatte nicht Unrecht, als er einmal zu mir sagte: Lothar, wir müssen ein Zeichen setzen. Etwas in die Luft sprengen oder eine Bank ausräumen, irgendwas ausrauben … irgendwas. Wir können doch nicht rumsitzen und warten, warten, bis uns die gebratenen Tauben in den Mund fliegen.

Frank, hör auf, wir sind doch keine Kriminellen, hatte ich damals gesagt, denn mehr fiel mir dazu nicht ein. O dieser Frank, er hatte immer solche Ideen.

Und was sind die, die uns arbeitslos gemacht haben. Lothar, was! Das sind ehrbare Bürger, die sind natürlich keine Kriminellen, die haben sich nur verspekuliert. Und spekulieren ist in unserem Land erlaubt.

Vergleiche hast du, erwiderte ich.

Es wird höchste Zeit, dass wir einmal anfangen zu vergleichen, verstehst du, Lothar. Und dann wirst du staunen, was bei diesem Vergleich dabei herauskommt.

Frank und ich waren in einem Alter, wo einem leicht die Nerven durchgehen, vom Warten und Warten auf Arbeit. Mitte Vierzig sein heißt, wir sind noch zu jung, um warten zu können, aber schon zu alt, um Zeit zu haben. Die Tage rasen dahin und überschlagen sich. Soll ich mich auf die Couch legen und von Helen ernähren lassen. Das Brot, das ich esse, wird von ihr bezahlt, das Buch, das ich lese, leiht sie mir.

Helen hatte an dem Morgen, an dem Frank abends die Schüsse abgab, gesagt: Wann willst du dich eigentlich mal wieder rasieren. Du siehst verhauen aus.

Sie goss uns dabei Kaffee ein.

Für wen soll ich mich rasieren, für wen soll ich nicht verhauen aussehen, fragte ich.

Für mich … du lässt dich gehen.

Beim Abschied küsste sie mich und strich mit dem Handrücken über meinen Stoppelbart. Dabei lächelte sie. Sie lächelte wie damals in der Buchhandlung, als ich mich in sie verliebte.

Ich wollte ihr nachrufen, dass der Wagen etwas nach rechts zieht, wenn sie scharf bremst, aber sie fuhr schon um die Straßenecke, als ich vor die Haustüre trat. Sie wird es merken, sie ist eine umsichtige Fahrerin, sie ist so sicher, dass ich beim Fahren neben ihr schlafen kann.

In der Küche trank Claudia im Stehen ihren Kaffee und aß meine mit Käse bestrichenen Brote auf; sonst verschmäht sie Käse am Morgen. Sie sagte nichts, stieß mir nur den Ellenbogen in die Seite und stürzte dann aus der Küche, ich hörte sie den Abschiedsgruß klingeln, als sie ihr Mofa aus der Garage schob und auf dem Bürgersteig vor dem Haus den Motor ankickte. Sie hätte zu Fuß gehen können, die Schule war nur ein paar Meter entfernt. Früher hatte ich mich über ihre Bequemlichkeit aufgeregt, ich habe sie geschluckt, so wie ich vieles zu schlucken ge