Einige Wochen zuvor:
Die Einladung
Ein Sommersturm näherte sich über der Nordsee. Dunkle Wolken ballten sich bedrohlich am Horizont, Wind setzte ein, wurde stärker, begann zu jaulen, zu brausen und zu tosen, drehte, wendete, schwieg kurz, um dann mit verstärkter Macht aufzubrüllen. Möwen flogen wie Fetzen durch die Luft. Bleigraue Wassermassen rollten mit ungestümer Wucht gegen das Gestade und zogen Sand, Muscheln, Steine, Geröll und alles, was zuvor an den Strand gespült worden war, wieder mit zurück in die schwarze Tiefe. Das Meer schien in epileptischer Raserei, türmte sich in Wellenbergen, die Gischt wirkte wie Schaum vor dem Mund eines wütenden Ungeheuers. In den Dünen standen zwei Spaziergänger, die sich geduckt dem Toben des Windes entgegenstemmten, die Hände in Hosen- oder Jackentaschen versteckt, die Schultern nach vorne gebeugt. Übermütige Sturmsucher, die ihre Kräfte mit der Gewalt der Natur messen wollten. Trutz, blanke Hans! Von weitem grollte ein Donner, wenige Sekunden darauf zuckten grelle Blitze über die See und tauchten die Szenerie für einen Augenblick in gespenstisches Licht. Ein plötzlich einsetzender Starkregen trommelte auf das Meer und schlug auf den Strand ein wie die Bleikugeln eines Schrapnells.
Nach etwa 30 Minuten war der Spuk vorbei. Der Himmel riss auf, die Wolken zogen sich langsam an den Horizont zurück, wo sie schließlich ganz verschwanden, als wären sie draußen, weit weg in die offene See abgetaucht. Das Firmament erstrahlte in einem frisch gewaschenen Babyblau, die Sonne flimmerte heiß durch die feuchte Luft und machte sich daran, den schweren, nassen Sand zu trocknen. Dünengräser richteten sich langsam auf, letzte Regentropfen liefen glitzernd an ihnen herab, um im Sand zu versickern. Die beiden Spaziergänger richteten sich ebenfalls auf, leckten sich die Lippen, um noch etwas von dem Salz zu schmecken, das der Wind ihnen ins Gesicht gepeitscht hatte. Sie legten schützend ihre Hände vor die Augen, blinzelten in die Sonne und suchten das Meer nach Zeichen des vorangegangenen Infernos ab. Vergeblich. Die See lag jetzt ruhig und weich bewegt, die Wasseroberfläche wogte sanft, schaukelte, glitzerte, das Bleigrau wich Meter für Meter einem satten, dunklen Blaugrün. Nichts als pure Schönheit, Grenzenlosigkeit, Ewigkeit. Trügerische Stille.
Marie blickte zu den Spaziergängern und sah, dass sie endlich weitergingen. Nun war sie ganz allein mit dem Meer. Sie betrachtete es voller Abscheu. Obwohl sie auf einer friesischen Hallig geboren und aufgewachsen war, die Nordsee also ständig vor Augen und in der Nase und das Salzwasser im Blut gehabt hatte, weigerte sie sich stur, in die allgemein übliche Begeisterung einzustimmen. Wenn ihr ein zumeist binnenländischer Tourist das mit bedeutungsschwangeren Metaphern aufgeblähte Loblied des Meeres sang und darauf hoffte, dass sie einstimmte, zuckte sie nur mit den Schultern und zitierte in einer kleinen Abwandlung Kurt Tucholsky:„Das Meer liegt da und sieht aus.“ Auch wenn sie es besser wusste, viel besser. Mehr gab es für sie dazu nicht zu sagen. Falls sie überhaupt etwas dazu sagte.
Auch jetzt stand sie wortlos