Budweis – 15. März 1939
Dunkle Wolken hängen über dem Böhmischen Land, ein dichtes Schneetreiben verlängert die Nacht bis weit in die Morgenstunden hinein. Der eiskalte Schnee zwingt den sehnsüchtig erwarteten Frühling weiter in winterliche Starre, hindert Knospen und frische Triebe am Aufbrechen. Von Osten peitschen eisige Winde die Schneeflocken durch die Luft, von Westen und Süden bewegt sich eine grau-grüne Schlange von Wagen und Panzern des Deutschen Reiches unaufhaltsam auf das Zentrum des Landes zu. Noch bevor das Licht einen Weg durch die dichte Wolkendecke findet, hat der Konvoi den schönen viereckigen, von Arkaden umrahmten Marktplatz in Budweis erreicht. Dort, wo einst auf der einen Seite die böhmische, auf der anderen die deutsche Jugend spazieren ging, lassen sich die Soldaten nieder. Seit zwei Jahren fällt Pavel auf, dass die Kluft zwischen den beiden Völkern tiefer wird. Aber warum nur? Sie lebten doch stets friedlich miteinander in dem kleinen Land.
In der Mitte des Marktplatzes steht der rundliche Samson-Brunnen, hinter ihm erhebt sich ein hoher dunkler Turm, der an einen mahnenden Zeigefinger erinnert. Auch die wirbelnden Schneeflocken vermögen es nicht, diese Warnung gen Himmel zu verdecken. Kurz vor dem Winter erhielt der Marktplatz ein neues Gesicht. Er wurde neu gepflastert und die jahrhundertealten Kopfsteine mussten weichen. Mit ihnen verschwand auch ein historischer Stein, von den Budweisern »Irrstein« genannt. Er markierte einst die Stelle, an der im Mittelalter der Pranger stand. Jedes Kind in Budweis weiß um den Fluch, der untrennbar mit diesem Ort verbunden ist. Der Sage nach würde derjenige, der sich um Mitternacht auf diesen Stein stellt, dazu verdammt sein, den Rest seines Lebens in der weiten Welt umherzuirren. Getrieben von diesem Fluch würde er weder Heimat noch Ruhe finden. Heute stehen deutsche Wehrmachtssoldaten auf diesem Platz. Zu Tausenden kamen sie durch die kalte Nacht. Adrett und diszipliniert. Mit blank geputzten Stiefeln, Mannschaftswagen, Kanonen und Panzern. Die dicken Schneeflocken, die sich sanft über die Dächer und Straßen legen, lassen die gespenstische Szene beinahe friedlich erscheinen. Eine der letzten Einheiten rollt über die Malschbrücke und singt: »Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt«. Das Echo des Liedes wird siegreich und drohend zugleich vom alten Gerichtsgebäude zum alten Theater, das einmal eine Brauerei war, getragen und hallt von dem abseits im Park stehenden Deutschen Haus wider. Nur das Wasser der Malsch fließt wie üblich träge und fast geräuschlos weiter, um später in die Moldau zu münden. Immer mehr Soldaten überqueren die Brücke, bis der große Marktplatz fast gänzlich besetzt ist. Gegenüber dem Rathaus nimmt eine sonderbare Einheit ihren Platz ein. Neben einer Flagge mit Hakenkreuz rollen die Soldaten ein Transparent aus. Es verkündet mit schwarzen Lettern auf rotem Grund das Eintreffen des »Hilfszuges Bayern«. Pavel, er ist 18 Jahre alt, beobachtet das Treiben aus sicherer Entfernung. Verglichen mit dem, was sich sonst im Herzen der Stadt ausbreitet, strahlt diese Einheit nichts Bedrohliches aus. Es ist eine Gulaschkanone. Das einzig Friedliche auf diesem Platz. Sie bietet allen