: Andreas Kollender
: Das endlose Leben
: Pendragon Verlag
: 9783865326539
: 1
: CHF 3.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod kein Problem für uns ist.' Mit elf Jahren erlebt Theo Mannlicher, wie sein Vater sich umbringt. Er beschließt daraufhin, den Tod nicht mehr zu akzeptieren und streicht das Wort aus seinem Wortschatz. Später wandert Theo mit seiner Mutter und seinem Onkel nach Amerika aus. Im Ersten Weltkrieg meldet er sich freiwillig an die Front. Er wird verwundet und landet in Mailand in einem Lazarett. Dort ereilt ihn ein ungewöhnlicher Auftrag ... Andreas Kollender beschreibt die faszinierende Lebensgeschichte des Schriftstellers Theo Mannlicher. Er wurde 1899 in Hamburg geboren und durchlebte das gesamte 20. Jahrhundert. In der Nacht vor seinem 100. Geburtstag verschwindet er spurlos auf Bali. Hat Mannlicher, dieser große Freund des Lebens, den Tod überlistet?

Andreas Kollender wurde 1964 in Duisburg geboren und studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie. Seit 1995 lebt er als freier Autor in Hamburg und leitet Kurse für literarisches Schreiben. Er hat ein Faible für spannende historische Persönlichkeiten, die er in seinen Romanen wieder zum Leben erweckt. Bisher hat er Fritz Kolbe (»Kolbe«), Ludwig Meyer (»Von allen guten Geistern«) und Carl Schurz (»Libertys Lächeln«) gewu?rdigt. In seinem neusten Werk, »Mr. Crane«, widmet er sich dem legendären Schriftsteller Stephen Crane.

1

Der Tod des Vaters

„Dein Großvater hat sich umgebracht, Theo. Das kommt bei Geisteswissenschaftlern häufig vor. Und jetzt hat sich dein Vater umgebracht. Wie sind deine Pläne?“, fragte Onkel Paul. Theo saß auf seinem Schoß. Er war elf Jahre alt und zu schlaksig, um noch bequem auf dem Schoß des Onkels sitzen zu können, aber es war ihm gleich, und die Wärme der Lehne aus Oberkörper und Armen beruhigte ihn.

„Sei nicht so zynisch mit dem Kind, Paul“, sagte Tante Agnes leise. „Der Junge hat viel mitgemacht. Er versteht das nicht.“

„Er soll Selbstmörder nicht verstehen“, sagte Onkel Paul. Er wippte mit den Füßen, sodass Theo auf seinem Schoß hopste. Onkel Paul schloss die Arme um Theo, und Theo hörte das Herz des Onkels und war in den Armen und der Wärme. Sie saßen im Wohnzimmer, Onkel Paul und Tante Agnes, Mutter, Theos Schwester Silvia, Kollegen des Toten, Freunde der Familie, Großmutter in einer Ecke des Ohrensessels. Auf dem Tisch standen Kaffeekannen, Porzellanschalen mit Gebäck und vorgewärmte Teller mit Gemüsetörtchen. Im Lichtschein vor den vier Fenstern schwebten Rauchteilchen, die aus den Mündern der Zigarrenraucher quollen. Die Wanduhr tickte über das Gemurmel der Anwesenden hinweg ihren Takt in den Raum. Onkel Paul sah zur Uhr hinauf. Unten von der Straße hörte man eine Straßenbahn rattern.

„Wir müssen bald los“, sagte Onkel Paul, „den alten Heinrich unter die Erde bringen.“

„Himmel, Paul“, sagte Tante Agnes, „wie redest du über die Beerdigung deines Bruders? Denk an die Kinder. Und denk an Elsa.“

Theo sah, wie Onkel Paul die Lippen unter dem Schnurrbart verzog, als habe er eine bittere Medizin schlucken müssen. Es war das erste Mal, dass Theo den Onkel böse sah.

„Ich hasse diese ganze Scheiße“, sagte Onkel Paul, und Theo roch seinen bitteren Atem.

„Herrgott, ich weiß es, Paul, aber wir sind hier nicht allein. Reiß dich zusammen. Und hör mit der Sauferei auf.“

„Was hasst du, Onkel?“

„Den Tod.“

Onkel Paul zog den Glaspfropfen aus einer Karaffe und goss eine braune Flüssigkeit in seine Kaffeetasse. Er trank mit großen Schlucken, und Theo sah seinen Adamsapfel auf und ab springen.

„Weißt du übrigens, wie dein Großvater sich umgebracht hat? Er hat sich den Bauch aufgeschnitten. Mit einem Küchenmesser. Das ist eine eher seltene Art, sich umzubringen. Außer bei Japanern.“

„Japaner bringen sich nicht mit Küchenmessern um“, sagte Tante Agnes. „Paul, denk an den Jungen.“

„Der Junge ist Theo Mannlicher. Sein Vater mag ja ein Ass als Mediziner gewesen sein, der Junge soll ein Ass als Mensch werden.“

Theo sah zu seiner Mutter auf der anderen Seite der Tafel hinüber. Sie hatte den Kopf gesenkt, die Stirn auf ihre Hand gestützt, und aus ihrer Frisur strähnte es dick und schwarz. Ihre Schultern zuckten, und Tränen tropften von ihrem Kinn auf die polierte Tischplatte. Jeder Tropfen fiel in die Lache, die sein Vorgänger gemacht hatte, hüpfte einmal auf und vergrößerte den silbernen See. Wenn sie für einige Sekunden aufsah, kritzelte sie mit einem Bleistift auf die Serviette neben ihrem Kuchenteller. Theo hatte seine Mutter nie weinen sehen. Wenn er jetzt in ihre Augen blickte, war es, als sehe er durch ein Aquarium. Silvia hockte neben ihr am Boden, umarmte die Beine der Mutter und weinte. Theo