: Hans Herbst
: Gringo Stories 2
: Pendragon Verlag
: 9783865322920
: 1
: CHF 8.90
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 264
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Herbst ist auf seine Art ein einzigartiger Missionar. In seinen Geschichten liegt die Weisheit des weit gereisten Globetrotters, großen Menschenkenners und Humanisten. Er ist scharfer Beobachter und pointierter Porträtist. Wer diese Geschichten liest, weiß, warum behauptet wird, die deutsche Sprache wäre schön.' TAZ

Hans Herbst wurde 1941 in St. Pauli/Hamburg geboren. Nach einer Lehre als Autoschlosser reiste er durch Europa, später nach Mexiko, Nordamerika, Brasilien und in die Karibik. Erste Texte entstanden 1979. Hans Herbst hat zahlreiche Stories, Reportagen und einen Roman veröffentlicht. Er lebt als Autor und Musiker in Hamburg.

Maman

Sie war eine kleine, breit gebaute Frau mit dunklem Gesicht, schwarzen Haaren und Schneidezähnen aus Gold. Ihre großen Augen waren diese besonderen Augen, in deren fast schwarzer Tiefe man sich verlieren kann, und ihr Mund sah ganz so aus, als wären die Küsse und Bisse der jungen Jahre auf ihm zurückgeblieben. Leicht ausgefranst an den Rän dern. Sie thronte am Ende der langen Theke hinter der Kasse und ihre dicken Finger bewegten die Scheine und Münzen mit einer Geschwindigkeit, die Übung verriet. Sie sprach wenig, und wenn sie sprach, hörte man hinter den knappen Sätzen fast immer Ausrufezeichen. Die Kneipe, ein schlauchartiger, rauchdunkler Raum in einer Seitenstraße der Rue St. Denise, gehörte ihr. Die Wände waren mit Plakaten zugepflastert, die vom Boxen bis Juliette Greco alles ankündigten, und an der Decke klebte die übliche Neonlampe. Es war dämmrig und still und früher Nach mittag, als ich mich zum ersten Mal gegen die lange Theke lehnte. Eine junge Hure saß an einem der drei Tische und starrte in ihr Pastisglas, und der Barmann stocherte mit einem Streichholz in dem Rest seiner Zähne herum. Die Frau hinter der Kasse schickte einen kurzen Blick zu mir herüber, den ich deuten konnte, ohne mich anstrengen zu müssen. Ein anderer, der nicht zum ›Milieu‹ gehörte, hätte diesen Blick gar nicht bemerkt. Die Frau hatte mich wahrgenommen und dabei versucht, mich einzuschätzen. Ein Fremder konnte Verdruss bedeuten. Ein Spitzel, den sie nicht kannte, ein Zuhälter aus einem anderen Revier, der sich hier umsah, ein Gangster, der die Bullen im Genick hatte oder der Vorausmann einer Bande, die hier Terrain gewinnen wollte. Dieses Revier war damals, als es ›Les Halles‹ noch gab, ein heißes Revier, und jeder sah zu, dass er über die Runden kam. Ich war nur ein kleiner Dieb mit einer Pechsträhne und einem Mädchen, das mit einem anderen Dieb, der eine Glückssträhne hatte, in den Süden gefahren war. Mir gefiel diese Kneipe, ich wusste nicht, warum, aber ich hatte gleich beim Eintreten ein gutes Gefühl gehabt. Ich nippte vorsichtig an meinem Bier, ich konnte mir nur eins leisten, und horchte in die Stille. Irgendwann erhob sich die junge Hure und sagte: »Wünsch mir Glück, Maman.« Sie trat vor die Theke und die Frau hinter der Kasse beugte sich vor und berührte mit zwei Fingern ihrer rechten Hand fast zärtlich ihre Stirn und ihren Mund. Sie ging hinaus, und ich sah ihr nach und hatte dabei das ganz sichere Gefühl, dass sie Glück haben würde. Ich nuckelte weiter ganz langsam an meinem Bier und als das Glas leer war, zahlte ich und ging auf die Toilette.

Als ich zurückkam, stand ein frisches Bier an meinem Platz. Ich war der einzige Gast, und das Bier konnte nur für mich da stehen. Ich sah