Die Froschprinzessin
Seit der Jangtsekiang-Strom und sein Tal durch den gewaltigen Staudamm Ende des vorigen Jahrtausends verwandelt worden ist – sein Wasserspiegel hob sich um sechzig bis siebzig Meter! – hat auch die gebirgige Landschaft an seinen Ufern sich verändert: Straßen, Dörfer, Städte und Tempel wurden hangaufwärts verlegt, neu gebaut, auch Fabriken wurde angesiedelt; vieles Alte blieb stehen und liegt jetzt unter Wasser.
In der Zeit unseres Märchens aber war das alles ganz anders. Da wurde am mittleren Verlauf des Stroms der Froschkönig sehr verehrt. Er hatte einen Tempel, der jetzt in den Fluten versunken ist, und dort gab es Frösche zu Tausenden und Abertausenden: kleine Hüpfer, aber auch riesengroße. Wenn ein Mensch den Zorn des Gottes zu spüren bekam, geschahen seltsame Dinge in seinem Haus: Frösche hüpften auf den Tischen und in den Betten herum, glitten an den Wänden auf und ab und aus Truhen und Schränken, Schüsseln und Töpfen, ja, sogar aus den Kesseln und Kasserolen in der Küche kamen sie. Das verkündete Unglück und war schon ein Unglück! Die Hausbewohner gingen und erwarben ein Rind ohne Fehl und brachten es als Opfer im Tempel dar. Und sie hofften, dass nichts weiter geschehen würde.
Damals wuchs ein Knabe in dieser Gegend auf, der hieß Siä Kung-Schong. Ein kluger und schöner Junge war das. Und als er sieben Jahre alt war, kam eine Dame, ganz in Grün gekleidet, ins Haus. Sie sagte, sie sei eine Botin des Froschkönigs und wolle kundtun, dass dieser seine Tochter dem jungen Siä zu vermählen gedenke. Der alte Siä war ein ehrlicher, wenn auch etwas beschränkter Mann, und diese Sache passte ihm nicht, also schlug er sie rundweg aus: sein Sohn sei noch zu jung. Aber später wagte man doch nicht, nach einer anderen Frau für den Sohn Ausschau zu halten.
Nach einigen Jahren – der Junge war inzwischen herangewachsen – verabredete man doch eine Heirat mit einem Fräulein Giang. Doch da ließ der Froschkönig deren Vater mitteilen: »Der junge Siä ist mein Schwiegersohn. Wie kannst du dich unterstehen, Früchte in fremden Gärten pflücken zu wollen?« Und natürlich fürchtete sich Vater Giang deswegen und nahm sein Wort zurück.
Das wiederum betrübte den alten Siä. Er bereitete ein Opfer vor und ging in den Tempel. Dort sagte er im Gebet, er fühle sich unwürdig, mit einem Gott in Verwandtschaft zu treten. Als er sein Gebet beendet hatte, zeigten sich jedoch im Opferfleisch weiße fette Maden, die darin umherwimmelten, und kleine Fliegen im Wein. Voll schlimmer Ahnungen ging er zurück nach Hause. Nun wusste er sich nicht mehr zu helfen; er ließ den Dingen ihren Lauf.
Der junge Siä, als er eines Tages über die Straße ging, wurde von einem Boten angehalten, der ihm Bitte und Auftrag des Froschkönigs überbrachte, sofort zu ihm zu kommen. Was blieb ihm übrig? Er musste dem Boten folgen. Der führte ihn durch ein rotes Tor in prächtige Gemächer. Weit hinten im Saal saß, sieben Stufen erhöht, ein weißhaariger Greis, dem sich Siä ehrerbietig nahte, und vor dem er sich auf den Boden warf. Der Alte hieß ihn aufstehen und wies ihm seitwärts einen Platz am Tisch an. Weiber und Mägde drängten herein, den Gast zu betrachten, aber der Alte hieß sie, im Gemach anzusagen, der Bräutigam sei gekommen. Eilfertig drängten die Weibsen wieder hinaus, und nach einiger Zeit trat eine würdevolle Alte aus dem inneren Gemach, die ein Mädchen an der Hand führte, das sechzehn Jahre alt sein mochte und sehr