Christa war erschöpft, als sie um elf nach Hause kam, zwei Stunden nach mir. Aus ihrem ersten Haus am Platze brachte sie Wurst und Schinken mit; in wenigen Minuten trank sie eine Flasche Sprudel leer.
»Ich muss mich mal untersuchen lassen, vielleicht habe ich Zucker«, sagte sie. »Menschen, die ewig Durst haben, könnten Diabetiker sein.«
»Unsinn, du arbeitest einfach zu viel. Bei deiner Rumrennerei in der heißen Küche bekommt man zwangsläufig Durst. Ich habe auch Durst, wenn ich viel rumrase.«
»Du? Du trinkst nicht, weil du Durst hast, du trinkst aus Gewohnheit.«
»Ich trinke, weil es mir schmeckt.«
»Das ist dasselbe. Du würdest noch im Sarg trinken. Hast du deine Wasserschlösser fertig? Das Schöne wollen die Leute immer kaufen – ohne Rücksicht auf den Preis. Du solltest mal wieder andere Bilder schießen, hässliche vielleicht.«
»Die kauft mir keiner ab. Ich muss liefern, was verlangt wird, die Konkurrenz ist hart genug. Die jungen Leute von der Werkkunstschule machen es für zwanzig Mark, wofür ich fünfzig verlange und sogar hundert. Sie wollen ins Geschäft und drücken die Preise. Ich verstehe das sogar, ich lag anfangs auch nicht auf Rosen.«
»Aber jetzt«, sagte Christa, »und den Ärger habe ich.«
»Welchen Ärger? Mit mir?«
»Wir haben seit einem Vierteljahr eine Siebzehnjährige, die muss nach den gelockerten Jugendschutzgesetzen manchmal bis nachts um elf arbeiten. Sie weiß dann nicht, wie sie nach Hause kommen soll, denn sie wohnt in Frohlinde, ganz im Westen. Ein Moped hat sie nicht, kann sich noch keins leisten, und einen Freund, der sie abholen könnte, hat sie auch nicht. Um diese Zeit noch eine Straßenbahn kriegen, dann Busanschluss und von der Haltestelle muss sie noch zehn Minuten laufen: Da ist es weit nach Mitternacht. Als sie mir das in der Küche erzählte, wollte ich gleich mit ihr zum Chef gehen. Sie hat mich angefleht: Um Gottes Willen, nicht, Frau Wolff, ich will meine Stelle nicht verlieren, ich bin schon einmal rausgeflogen, weil ich mich auf den Jugendschutz berufen habe … Da bin ich aber allein zum Chef gegangen – und weißt du, was er mir gesagt hat? Mischen Sie sich nicht ein, Frau Wolff, das ist allein meine Sache. Es wird höchste Zeit, dass sich in unserem Lande die Zeiten ändern und diesem jungen Volk endlich gezeigt wird, wer das Sagen hat. Überlassen Sie die Lehrlinge mir. Noch gilt der alte Satz: Lehrjahre sind keine Herrenjahre … Ich sag dir, das ist derselbe Mann, der früher neue Lehrlinge mit einem Glas Sekt begrüßte. Heute würde er, wenn das Mädchen auf dem Heimweg überfallen und vergewaltigt worden wäre, eiskalt sagen: ›Selber schuld, warum wackelt sie mit ihrem Hintern nachts ohne Begleitung durch die Stadt …‹ Hast du heute überhaupt schon was Warmes gegessen?Warum holst du dir nicht etwas aus der Tiefkühltruhe? Da sind fertige Gerichte drin.«
»Mach dir deswegen keine Sorgen«, antwortete ich. »Die Fabrik wird übrigens nicht verkauft, das Modell Böhmer wird verwirklicht.«
»Ach«, rief Christa und sah mich überrascht an. »Und von wem weißt du das?«
»Von der Grande Dame höchstpersönlich. Ich war heute Nachmittag zu einer Konferenz in der Fabrik. Die Einladung hatte ich vor drei Tagen erhalten und vergessen, es dir