: Sandra Brökel
: Pavel und Ich Eine Spurensuche
: Pendragon Verlag
: 9783865326812
: 1
: CHF 10.80
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 168
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwei Länder, zwei Generationen und zwei völlig verschiedene Menschen. Die Autorin Sandra Brökel ist ein Adoptivkind, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Bei ihren Recherchen zum Thema stößt sie schließlich auf ein Buch aus den 1960ern. Autor ist der Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák. In ihrer Kollegin und Freundin Paula entdeckt sie viele Jahre später überraschend Pavel Vodáks Tochter. Und nicht nur das: Paula hütet das Lebenswerk ihres Vaters, ein umfangreiches Manuskript. Sandra Brökel zeigt eindrucksvoll, auf welch außergewöhnliche Weise zwei Menschenleben miteinander verbunden sein können. Ein bewegendes Buch über die Suche nach der Bedeutung von Heimat und dem eigenen Seelenfrieden.

Sandra Brökel, geboren 1972 in Arnsberg, arbeitet als Schreib- und Trauertherapeutin. An ihrem Beruf fasziniert sie besonders die Aufarbeitung von Lebens­geschichten. So entstand ihr Roman über das Leben von Dr. Pavel Vodák. »Das hungrige Krokodil« war ihr Debüt, welches mittlerweile in der 4. Auflage vorliegt. »Pavel und Ich« erzählt die Geschichte hinter der ­Geschichte des Romans »Das hungrige Krokodil«. Gemeinsam mit Pavels Tochter reist Sandra Brökel nach Prag und begibt sich auf die spannende Suche nach Pavels Familiengeschichte.

Einfach mal klingeln … Teil 1

Die Oma, die nicht zu bremsen war …

Es ist ein kleines Haus am Ende der Sackgasse auf der linken Seite. Auf der rechten Seite der Straße wuchern Tannen und Laubbäume an einem Hang. Wie man sich das Sauerland vorstellt. Ein bisschen idyllisch, auch ein bisschen dunkel durch die vielen Nadelhölzer. Ganz bestimmt aber sehr ländlich und bodenständig. Eine Assoziation von Schützenfesten und dem Lebensmotto Glaube, Sitte, Heimat kommt mir in den Sinn.

Hier also hatte ich das Licht der Welt erblickt, hier irgendwo wäre ich aufgewachsen, wenn mein Leben in den ersten Wochen und Monaten nicht so chaotisch verlaufen und ich in einem Kinderheim gelandet wäre … Ich frage mich in diesem Augenblick, was dann aus mir geworden wäre?

Würde ich Schützenfeste lieben und an der Wahlurne ein konservatives Kreuzchen setzen? Wäre ich hier sesshaft geworden oder hätte es mich in die weite Welt gezogen? Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren. Denn das Leben ist manchmal wie eine Wegkreuzung. Biege ich links ab, werde ich nie herausbekommen, was ich auf der rechten Seite entdeckt hätte.

Das Einzige, was ich in diesem Moment weiß, ist ein Name. Mehr nicht. Ein Vor- und ein Nachname eines fremden Mannes. Und ich weiß, dass dieser Mann als Junge in diesem Haus gewohnt hat. Wenn meine Nachforschungen stimmen, ist er mein Vater.

Ich parke meinen Kleinwagen ein Stück abseits des Hauses und frage mich, ob jemand durch das Nummernschild auf meine Adresse würde schließen können. Ich bin vorsichtig. Mehrfach hatte ich auf dem Weg hierher ein mögliches Treffen mit meinem leiblichen Vater in Gedanken durchgespielt. Nun habe ich einen Plan im Kopf, der vorsieht, dass ich nichts von mir preisgeben möchte. Nur meinen Vornamen. Keine Adresse, keine Details. Denn ich weiß ja nicht, auf wen ich treffe. Ich möchte die Fäden in der Hand behalten und selbst entscheiden, ob dieser Mensch mich später einmal kontaktieren kann oder nicht. Sicher ist sicher. Ich will ihn nur einmal sehen, um die Leerstelle in mir zu füllen. Ihm einmal in die Augen schauen, vielleicht einen Small Talk halten. Innerlich abgleichen, was ich von ihm geerbt haben könnte. Denn als ich vor vier Wochen erstmals meiner leiblichen Mutter gegenüber stand, merkte ich, dass wir weniger gemeinsam hatten, als ich zuvor gedacht, als ich mir gewünscht hatte. Ich schloss daraus, dass bei meiner Zeugung vor 35 Jahren die väterlichen Gene das Rennen gemacht haben mussten.

Als ich zur Haustür schlendere, staune ich selbst über meine Gelassenheit. Was soll schon passieren? Ohne groß zu überlegen drücke ich den Klingelknopf und es dauert nur wenige Augenblicke, da öffnet eine ältere Dame die Tür. So stelle ich mir eine sauerländische Hausfrau vor: Die Haare etwas wirr, Küchenschürze, Hände in die Hüften gestemmt. Ihre Ausstrahlung lässt sich mit den Worten schnodderig-ehrlich-direkt-pragmatisch auf den Punkt bringen. »Tach«, sagt sie und in ihren blauen Augen steht: Wat willste? Ich hab noch wat anderes zu tun …

Ich bin sprachlos und brauche einen Moment, um mich zu sortieren. Ihr dauert das offenbar zu lange und sie hakt nach: »Wat wollen Se denn?« Ich atme einmal tief durch und sage den Namen meines Vaters. Umgehend schnoddert sie: »Der wohnt nicht mehr hier. Wat wollen Se denn von dem?«

Ich suche nach den richtigen Worten und plötzlich schlägt sie ihre Hände an die Wangen. Ihre Auge