Erstes Kapitel Montag
I
Auf den ersten Blick hätte man denken können, der weiße Fleck im Wasser wäre ein Fisch. Fast jeder hätte das gedacht. Frau Maier nicht. Denn Frau Maier kannte sich aus mit den Fischen im See.
Der weiße Fleck schimmerte fast silbrig unter der leicht gekräuselten Wasseroberfläche zwischen ein paar dunklen Schilfhalmen. Es war schwer zu sagen, ob sich nur das Wasser bewegte oder ob es die Hand selbst war, die unter Wasser leise winkte. Dass es eine Hand war, daran bestand für Frau Maier gar kein Zweifel. Die Frage war: Handelte es sich nur um eine Hand oder um eine Hand, die noch mit einem Körper verbunden war?
Die Katze hatte sich längst verzogen. Als sie mit der Pfote nach dem silbrigen Fisch hatte angeln wollen, da hatte sie plötzlich die Erkenntnis gepackt, dass er vielleicht doch kein so guter Fang war. Ihr Fell am Rücken hatte heftig gezuckt, so als hätte sie Flöhe, und dann war sie in Sekundenschnelle fauchend im Gebüsch am Ufer verschwunden.
Frau Maier war alleine. Wie immer. Seufzend beugte sie sich nach vorne. Angst hatte sie keine – höchstens davor, wieder einen Hexenschuss zu bekommen, so wie im letzten Winter. Da hatte sie sich auch nur gebückt, um einen Kiesel aufzuheben. Einen roten, ganz glatt gewaschen vom See. Danach war das Leben fünf Wochen lang sehr beschwerlich gewesen.
Die Hand bewegte sich nicht. Sie lag still und blass im Wasser. In ihrer Todesstarre schien sie etwas zu umklammern. Es sah aus wie ein Stück Papier.
Und von der Hand führte ein Arm ins Schilf.
II
Frau Maier hatte kein Telefon. Das war manchmal lästig, unter Umständen auch einmal sehr lästig, aber so richtig unangenehm war es noch nie gewesen. Bis zu diesem Augenblick. Denn wenn man im Wasser im Schilf am See gerade eine Hand gefunden hat, von der aus ein Arm zu einer Frau führt, und diese Frau nackt und tot ist, dann wäre ein Telefon von Vorteil. Das dachte Frau Maier, als sie schnaufend an ihrem Küchentisch saß.
Frau Maier wurde selten nervös. Ihre Gelassenheit hatte ihr in ihrem Leben schon sehr oft geholfen. Ohne sie wäre das Leben, das sie führte, als alleinstehende, vermutlich sogar einsame Frau ohne Geld, sehr viel schwieriger gewesen. Aber manchmal war ihre Gelassenheit auch schon als Gleichgültigkeit missverstanden worden. Auch von sehr wichtigen Menschen.
Den kurzen Weg vom Fundort der Leiche bis zu ihrem kleinen Haus war Frau Maier nicht gerannt, sondern sie hatte ihn in ihrem ganz normalen, bedächtigen Schritt zurückgelegt. Trotzdem standen ihr jetzt, als sie am Küchentisch saß, kleine Schweißperlen auf der Stirn. Frau Maiers Atem ging schneller als sonst. Und flacher. Wieso?
Sicher, sie hatte gerade eine Leiche entdeckt. Das reichte normalerweise, um nervös zu werden. Bei Frau Maier nicht.
Sicher, sie hatte kein Telefon und konnte die Polizei nicht sofort verständigen. Aber dafür würde sich eine Lösung finden.
Nein, die Schweißperlen hatten andere Gründe. Nach kurzem, aber gründlichem Grübeln hatte Frau Maier diese Gründe ausgemacht. Erstens: Sie hatte die tote Frau erkannt. Zweitens: Sie war am Fundort nicht alleine gewesen. Jemand hatte sie beobachtet.
III
Jetzt konnte nur Elfriede Gruber helfen. Sie war die Leiterin der örtlichen Sparkasse und eine von drei Personen,