: Kerstin Ehmer
: Der weiße Affe Berlin in den Goldenen Zwanzigern
: Pendragon Verlag
: 9783865325990
: Ein Fall für Spiro / Berlin in den Goldenen Zwanzigern
: 1
: CHF 11.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 280
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Berlin in den Goldenen Zwanzigern Ein jüdischer Bankier wird erschlagen im Hausflur seiner Geliebten aufgefunden. Kommissar Ariel Spiro ist gerade aus der Provinz nach Berlin gezogen und übernimmt direkt seinen ersten Fall. Zunächst deuten die Ermittlungen auf ein politisches Motiv hin. Doch auch die wohlhabende und exzentrische Familie des Toten gibt Spiro Rätsel auf. Schon bald gerät der junge Kommissar in den Sog der Metropole, getrieben vom schnellen Rhythmus und mitgerissen vom rauschenden Berliner Nacht­leben. Als er sich von der faszinierenden Tochter des Toten magisch angezogen fühlt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet. Kerstin Ehmer zeigt das Berlin der Weimarer Republik in all seinen Facetten. Schillernde Bars und sexuelle Freiheit charakterisieren die Großstadt genauso wie Antisemitismus und die schwelenden Vorboten des Nationalsozialismus. Der Autorin gelingt es auf überzeugende Weise, die brodelnde Atmosphäre dieser widersprüchlichen Zeit spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich einer Sprache, deren Schönheit das Flair der Goldenen Zwanziger lebendig einfängt und gleichzeitig modern daherkommt.

Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman.

1

Als es hell wird und das Morgenlicht die stahlgenietete Hochbahn entlangfährt, schlurren die Hafenarbeiter zu den Spreeanlegern, schnaufen Kutschpferde in die Futtersäcke, wird in den Küchen krachend die Kaffeemühle gedreht, holpern Fahrräder und Handkarren übers Katzenkopfpflaster, schiebt die erste Lokomotive auf ihr Gleis im Görlitzer Bahnhof.

»Breslau einsteigen, Zug fährt ab«, brüllt der Bahnhofsvorsteher Wuhlke, wie immer ohne Bitte und Danke, die Reisenden zusammen. Um die Ecke hüpft seine Tochter Erika an der Hand ihres Bruders die Treppen zur Wrangelstraße runter.

»Fünf Pfennige, wenn du mir meine Zigaretten vom Dachboden im Hinterhaus holst.«

Erika nickt erfreut und verschwindet nach hinten über den ewig dunklen Hof, vorbei am Aschekasten, vorbei an der Teppichstange, an der sie manchmal Schweinebaumeln übt, vorbei an der Regentonne hinein ins Treppenhaus des Seitenflügels. Zwischen erstem und zweitem Stock ist die Tür zum Abort nur angelehnt und Erika hört den Morgenstrahl des Drahtziehers Moritz Winkhaus ins Klosett rauschen. Im Zweiten keift die Kaminke ihrem Mann hinterher, dass er sich bloß nicht unterstehen soll nach der Schicht wieder beim Bier … Dann ist die Stiege still, obwohl da einer gegen die Wand gelehnt sitzt und mit schwarzgewichsten Lederschuhen Erika den Weg versperrt. Mund steht offen, Augen starr geradeaus auf gar nichts.

Das Mädchen steigt vorsichtig über die Beine mit den Bügelfalten und klopft im Dritten. »Fräulein Hilde, Ihr Besuch …«

Lehrter Bahnhof. Die Berlin-Hamburger-Bahn spuckt im Rauch der ächzenden Lokomotive den jungen Kriminalkommissar Ariel Spiro mit 52 Minuten Verspätung auf den überfüllten Bahnsteig.

»Braucht der Herr Hilfe mit dem restlichen Gepäck?« Ein Riese in speckigem Anzug hat sich vor ihm aufgebaut.

»Nein danke, ich hab nichts weiter.« Er weist kurz auf den Lederkoffer in seiner Hand. Er hat es eilig. Sein erster Arbeitstag und schon spät dran.

Der Riese zuckt die Achseln. »Na, ob Se damit weit kommen?« Er trollt weg.

»Zigaretten, Zigarren?« Da ist die Nächste, die was von ihm will. Hübsch und jung und wie zu einem Ausflug ins Grüne. Spiro schüttelt bedauernd den Kopf. Ganz schön kurz, die Haare, denkt er und sieht sich um. Eilig haben es hier plötzlich alle und rennen zielstrebig der Haupthalle entgegen. Spiro rennt mit. Wer hier gehört werden will, muss schreien. Lachen, Satzfetzen.

»… heute Abend imAdlon

»Wir sind im Sportpalast. Sechs Tage jeht’s rund.«

»Fritz Lang macht wieder was in Babelsberg. Riesige Kulissen lässt er bauen.«

»Da ist die Massary. Ich fass es nicht.« Spiro erhascht einen Blick auf einen flaschengrünen, engtaillierten Mantel und das fliegende Ende einer dunkelbraunen Straußenboa.

»… er sitzt im Orchester, imMarmorhaus. Jeden Abend issa weg und ick alleene.« Ein dünnes Mädchen schmollt mit spitzem Mündchen einen deutlich älteren Herrn im Stresemann an. Der legt ihr nicht ganz väterlich einen mitfühlenden Arm um die Taille. »Schnürsenkel! Alle Farben! Valiern Se nicht den Halt!«

Streichhölzer, Würstchen, Extrablätter, alles lautstark angepriesen. Spiro muss raus aus diesem Lärm und auf dem schnellsten Weg ins Präsidium am Alexanderplatz. Er drängelt sich einen Weg durch die Leiber zum Hauptportal. Endlich draußen, liegt vor ihm ein leerer Platz und dahinter die Spree.

Wo sind die Droschken? Wo die Leute? Nur ein Einbeiniger sitzt hinter einem umgedrehten Hut und polkt etwas aus seinem Ohr.

»Entschuldigen Sie, aber wie komm ich weg von hier?«

Der Krüppel mustert den Kommissar aufreizend langsam von unten bis oben. »Da muss ick erst mal nachdenken.«

Spiro ver