: Alexander Gruber
: Tiermärchen aus Russland Tiermärchen vieler Völker, Band 4
: Pendragon Verlag
: 9783865325945
: 1
: CHF 11.70
:
: Märchen, Sagen, Legenden
: German
: 166
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Iwan Zarensohn sprang über die Mauer in den Garten, sah den goldenen Käfig, darin den Feuervogel leuchten, nahm ihn heraus und wollte gehen ...« Die hier versammelten russischen Märchen, ob sie unter Tieren spielen oder Tiere als Helfer handeln lassen, sie sind mit Herz und Verstand erzählt, komisch und derb manchmal, spöttisch oder zart, immer mitfühlend, oft auch mit großem Atem. Und so gewinnen wir einen erstaunlichen Einblick in die viel beschworene, nirgends besser greifbare »russische Seele«. Über hundert Nationalitäten und Ethnien versammelte das Riesenreich der Zaren. Nicht verwunderlich, dass die großen Erzähler Russlands auf diesen Schatz der Überlieferung zurückgegriffen haben. Auch die Komponisten: Rimski-Korsakow vertonte den »Goldenen Hahn« nach Puschkin, Strawinski bezog sich auf das Märchen vom »Feuervogel«. Alexander Gruber hat im 4. Band seiner Reihe »Tiermärchen vieler Völker« 25 aus weit über 600 Märchen ausgesucht und erzählt sie neu.

Alexander Gruber wurde 1937 in Württemberg geboren. Seit 1967 arbeitete er als Lektor und Drama­turg beim S. Fischer Verlag. Später ging er als Chefdramaturg an die Bühnen der Stadt Bielefeld. Er ist erfolgreicher Thea­ter­­autor, unter anderem vieler Kinderstücke, die größtenteils auf der Erstfassung der Brüder Grimm gründen, und er hat zahlreiche eng­lische und französische Dramen, darunter viele Opernlibretti, übersetzt und bearbeitet.

Die Schnepfe

Da war einmal ein Ehepaar, das hatte drei Söhne. Zwei waren klug, der Dritte ein Dummkopf. Die beiden Klugen gingen arbeiten, bestellten die Felder und säten auf dem einen Erbsen an. Als die reiften, schickten sie den Dummkopf hinaus, damit er den Acker bewachte. Der Dümming flocht sich ein Hüttchen aus Stroh, das da noch herumlag, und hielt Wache. Eine Schnepfe flog herbei und pickte die Erbsen auf, aber der Dümming nahm es in Acht, schlich heran und fing die Schnepfe. Den Hals wollte er ihr umdrehen, aber da fing sie an zu sprechen und sagte: »Iwanuschka, mein Lieber, dreh mir doch nicht den Hals um, ich kann dir noch von Nutzen sein.« – »Ach, und wie willst du das anfangen?« – »Du komm zu mir, und ich geb dir ein Tischtuch.« – »Wozu? Ich hab selber eins.« – »Aber so eins doch nicht! Zu dem brauchst du nur zu sagen:

»Tüchlein, Tüchlein, roll dich auf!

Breit’ dich aus und stell was drauf!

Schnell!

Schaff Essen und Getränk zur Stell!«

Dann macht es das. Mehr brauchst du gar nicht tun, dann hast du zu essen und zu trinken.« – »Gut!«, sagte Iwan. Er ließ die Schnepfe frei, und die flog davon.

Anderntags wollte er zu ihr und das versprochene Tüchlein holen, also machte er sich auf den Weg. Querfeldein ging er und geriet auf eine Pferdeweide. Hirten waren da, die die Pferde hüteten, und er fragte: »Hirten, he! Ihr Pferdehirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Da musst du weiter gehen. Frag da, wo sie die Kühe hüten. Die können’s dir sagen.« Er ging also weiter, bis er zu der Weide kam, wo die Kuhhirten die Kühe weideten, und fragte: »Hirten, he! Ihr Rinderhirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Geh nur weiter! Wo man die Schweine hütet, kann man es dir sagen.« Er ging also weiter, bis er auf eine Schweineherde stieß. Da fragte er: »Hirten, he! Ihr Schweinehirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Geh nur weiter! Wo man die Lämmer hütet, kann man es dir sagen.« Also ging er weiter und stieß auf eine Herde hüpfender wolliger Lämmer. Da fragte er: »Hirten, he! Ihr Lämmerhirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Geh! Geh weiter! Wo man die Gänse hütet, kann man es dir sagen.« Er ging weiter und kam zu einer Herde schnatternder, zischender Gänse und fragte: »Hirten, he! Ihr Gänsehirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Musst weiter gehen! Wo man die Enten hütet, kann man es dir sagen.« Das war nicht weit. Er ging hin und fragte: »Hirten, he! Ihr Entenhirten! Wo wohnt denn hier die Schnepfe?« – »Da drüben! Geh da drüben hin, wo die weißen Häuser stehn. Das Haus mit den roten Säulen, da wohnt die Schnepfe!«

Er ging hin zu dem Haus mit den roten Pfeilern, und die Schnepfe kam heraus. Er grüßte sie und sagte: »Gott zum Gruß, Schnepfe! Du hast mir ein Tischtuch versprochen, weißt du noch? Das will ich holen, gib es mir!« Die Schnepfe ging ins Haus, holte das Tischtuch heraus und gab es Iwanuschka. Iwanuschka nahm es und sagte:

»Tüchlein, Tüchlein, roll dich auf!

Breit dich aus und stell was drauf!

Schnell!

Schaff Essen und Getränk zur Stell!«

Es geschah wie versprochen. Da schmauste Iwan mit der Schnepfe, bedankte sich bei ihr, als sie gegessen und getrunken hatten, steckte das Tuch ein und machte sich auf den Heimweg, doch auf dem Weg begegnete ihm die Baba-Jaga. »Iwanuschka, liebes Väterchen! Wie schön, dass wir uns treffen! Komm doch herein zu mir, ich wasche dich und bade dich und gebe dir zu trinken. Danach kannst du bei